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USA Teil 6 (17.10.2011 - 07.11.2011)

veröffentlicht um 07.11.2011, 09:10 von Tobias Pieper   [ aktualisiert: 03.12.2011, 07:58 ]
Chicago, Illinois bis Washington, D.C.
 
Unsere Tage in Chicago waren noch sehr nett. Wir besuchten den Baha'i Tempel (Baha'i House of Worship). Baha'i ist eine Glaubensgemeinschaft und wird wohl als die juengste Weltreligion gesehen. Sie sind Anhaenger Baha'u'llahs (geb. im 19.Jh in Persien). Sie glauben, dass es nur einen einzigen Gott gibt, er nur in den verschiedenen Sprachen anders genannt wird (Gott, Allah, Jahve,...) und in den verschiedenen Religionen Ausdruck bekommt. Die Propheten, wie Moses, Buddha, Christus, Muhammad und Baha'u'llah selbst, sind Boten des einen Gottes fuer die Menschen. Es scheint letztlich wie eine Vereinigung aller Religionen.
Es gibt auf allen Kontinenten einen Baha'i Tempel und die Zahl und Verbreitung waechst. Sogar in Deutschland haben wir einen bei Frankfurt. Dieses unglaubliche Gebaeude in Chicago ist vielleicht der groesste und ueberwaeltigenste Tempel, soweit wir es ueber Fotos der anderen beurteilen koennen.
Wir haengten letztlich noch einen Tag mehr in Chicago dran, da das Wetter so miserabel wurde, dass man keinen Hund vor die Tuer schicken wollte. 
Nachdem wir letztlich weiter sind und den schoenen Radweg am Ufer entlang Lake Michigan fuhren, sahen wir die Folgen des stuermischen Wetters vom Tag zuvor. Einige Boote hatten sich losgerissen und zerschellten in Einzelteile an der schuetzenden Wand in einer Bucht. 
Wir aber waren mal wieder gesegnet, denn es war strahlender Sonnenschein ohne jegliches Woelkchen und warmes Wetter. Wir kamen an Haeusern vorbei, die bereits fuer Helloween dekoriert waren. Die US-Amerikaner leben sich diesbezueglich ja hemmungslos aus. Wir kennen vielleicht eher die Weihnachtsdekoration, aber Helloween uebertrifft das ganze noch einmal, da es nicht nur eine Kitschige Seite gibt, sondern eine gruselige und ekelige Seite hat. Wir haben ein paar Bilder, die wenigsten einen Eindruck vermitteln.
Das Wetter verhielt sich in der weiteren Radelwoche sehr wecheselhaft. Der blaue Himmel an einem Tag hielt sein Versprechen nicht lange und der Regen gewann den Kampf am folgenden Tag. Wir bemuehten uns, Kontakte auf unserer Strecke zu finden, um in diesem Wetter nicht zelten zu muessen. Ich glaube, wir werden etwas weicher als wir es zu Anfag der Reise noch waren. Aber man entwickelt doch gewisse Hemmungen bzw. die Toleranzgrenze gegenueger schlechten Wetter veraendert sich. Was nicht heisst, dass wir es nicht mehr koennten, wenn wir muessten. Wir versuchen es bloss eher zu vermeiden, wenn wir die Chance haben. Und es klappte sehr gut. Wir fanden immer wieder sehr spontan Familien ueber "warmshowers.org", die uns gerne aufnamhen. So gestaltete sich die Zeit sehr intensiv mit immer neuen sozialen Kontakten. Ueberwaeltigt wurden wir wieder von dem Vertrauen, was wir entgegenbebracht bekamen. So entschlossen wir uns mittags, bei einer Familie anzurufen, ob sie uns spontan fuer die Nacht beherbergen koennten, denn das Wetter wurde haerter als gedacht. Und sie meinten, es sei kein Problem, sie waeren allerdings am Abend nicht da. Und je eher wir kommen koennten, desto besser. Es waren noch etwa 2 Stunden Fahrzeit und wir kamen gerade rechtzeitig, als sie sich auf den Weg machen wollten. Wir bekamen eine schnelle Hausfuehrung von Ray und Dawn, wir sollten uns wie zu Hause fuehlen und weg waren sie. Wir waren etwas sprachlos und sehr froh, dass wir sie noch antrafen. Wir entdeckten dann, dass die uns einen Brief hinterlassen hatten, fuer den Fall, dass wir sie nicht angetroffen haetten. Sie haetten uns in ihr Haus gelassen, ohne uns auch nur gesehen zu haben. Dieses Vertrauen ist doch beneidenswert! Und am Ende stellte sich heraus, dass es wieder christliche Menschen waren.
 
Unseren Pausetag verbrachten wir mit Roy und Marieanne bei Litchfield, Ohio. Wir verbrachten eine sehr interessante Zeit mit einander. Roy ist dabei, seinen Lebenstil zu aendern und wir entdeckten unglaublich viele Parallelen. Betrachtet man unsere Gesellschaft, so geht es doch primaer darum, Geld zu verdienen. Im Grunde nichts, was anzugreifen waere, da Geld uns hilft, unser Leben zu leben. Aber schaut man genauer hin, so laesst sich erkennen, dass viele Menschen vom Geld getrieben sind. Entscheidungen werden nur noch mit dem Focus auf das Geld getroffen. Geld ist unser Leiter. Wir glauben, mit Geld werden wir gluecklich, denn wir koennen uns alles kaufen, was wir wollen. Wir haeufen immer mehr an, bishin zum absurdesten Luxus und der Hunger scheint nicht gestillt zu werden, die Leere nicht gefuellt und das erwuenschte Gluecksgefuehl sich nicht dauerhaft einzustellen. Wir verlieren uns immer mehr in Arbeit, denn darueber koennen wir uns identifizieren, erfahren Anerkennung, um unser Ego zu staerken und arbeiten noch mehr, wenn die naechste Gehaltserhoehung unsere Arbeitsleistung bestaetigt.
Aber wofuer verdienen wir denn das ganze Geld, wenn wir den ganzen Tag arbeiten und im Grunde keine Zeit haben, es auszugeben oder das grosse Haus, was wir gekauft haben, gar nicht geniessen koennen, weil wir kaum dort sind. Man kann sagen, es kostet eben viel, um es in Stand zu halten, und auch das 2.oder 3. Auto und deshalb muss man ja soviel arbeiten, um alles zu finanzieren. Aber wie absurd ist das, wenn man doch kaum da ist?
Hat man nicht viel mehr vom Leben, wenn man sich reduziert, weniger Lebenshaltungskosten hat, fuer die man arbeiten gehen muss, so dass man am Ende mehr Zeit fuer sich und sein Leben, seine Familie etc. hat? Wenn ich das Geld nicht ausgebe, dann brauche ich es auch erst gar nicht verdienen gehen! Das war die Erkenntnis, die Roy hatte und die uns schon lange im Kopf herumgeht, wenn auch noch nie so formuliert.
Die Herausforderung ist dabei jedoch, das Prolem zu loesen, durch was man sich dann jedoch identifizeirt, denn die Arbeit steht dann nicht mehr im Mittelpunkt und man hat Zeit und muss lernen, damit umzugehen. Denn wie vielel Menschen wissen gar nichts mit ihrer Zeit anzufangen, wenn sie nicht arbeiten?
Eine Frage stellt sich uns noch. Welches Leben ist ein freies Leben? Ein leben mit viel Geld, was mir definitiv gewisse Freiheiten ermoeglicht, ich aber in meinem Arbeitsalltag "gefangen" bin und nicht mehr als 3 Wochen Jahresurlaub habe oder ein Leben mit weniger Geld, was mir gewisse Einschraenkungen gibt, ich aber freier in meinen Entscheidungen im Alltag bin?
 
Wir besuchten mit Roy und Marieanne eine Amischgemeinde. Amischen sind eine taeuferisch-protestantische Glaubensgemeinschaft. Sie leben sehr einfach als Bauern und lehnen weitestgehend technischen Fortschritt ab. So sind sie mit Pferdewagen unterwegs und bearbeiten ihre Felder verstaekt durch eigene Kraft. Sie entscheiden jedoch nicht kategorisch gegen Technik, sondern diskutieren Neuerungen und entscheiden sich unter Umstaenden fuer etwas. So gibt es in manchen Gemeinden gasbetriebene Kuehlschraenke, aber keine generelle Elektrizitaet. Es war sehr spannend, sie zu treffen und mit ihnen zu sprechen. Sie sind sehr ueberzeugt von ihrer Lebensform und machten auf uns auch einen gluecklichen Eindruck. Sie leben stark in Gemeinschaft und haben entsprechende Werte, die in unserer Gesellschaft langsam zu verschwinden scheinen. Dazu gehoert, Zeit zu haben, wenn man ins Gespraech kommt, die Natur als unsere Grundlage zu begreifen, die man nicht mit Fuessen treten sollte und der Respekt untereinander. 
Wir sind Roy und Marianne sehr dankbar, dass wir mit ihnen die Moeglichkeit hatten, Amische kennenzulernen.
 
Von dort steuerten wir auf Pittsburgh zu, denn da beginnt ein 500 km langer Radweg bis nach Washington, D.C. Die erste Haelfte von Pittsburgh, Pennsylvania bis Cumberland, Maryland nennt sich "Great Allegheny Passage", eine alte Bahnstrecke. Da die Eisenbahnen frueher nicht mehr als 3% Steigung fahren konnten, ist die Strecke ziemlich flach, was durch Pennsylvania ein Segen ist, denn das Gebirge der Apallachen zieht sich dort durch, was eine Auffaltung von mehreren Bergruecken ist. Es waere also viel Arbeit gewesen, sich dort hoch und runter zu arbeiten. So genossen wir die Herbststimmung mit nebligen Morgenden und sonnigen Tagen entlang des Youghiogheny Flusses. Nach Cumberland wechselten wir an den "Chasepeake and Ohio Canal". Dieser ist ebenfalls flach und ist ein Kanal neben dem Potomac Fluss. Dieser Kanal diente frueher als Transportweg. Die Schiffe wurden von Pferden gezogen, die auf dem danebengelegenen Weg liefen.
Dieser Abschnitt fuehrte bis Georgetown in Washington, D.C. und war eine Spur rauher, noch dichter in der Natur, weil nicht so breit und ausgebaut und gefiel uns entsprechend besser. Wir zelteten durchweg und genossen Abende vorm Lagerfeuer, aber hatten morgens auch mit starkem Kondenswasser zu kaempfen. 
 
Nun sind wir in Washington D.C. und haben einmal mehr Glueck mit der Wahl unserer Gastfamilie. Wir haben eine tolle Zeit mit Ted und Ann, werden fuerhsorglich verpflegt und bekamen eine private Stadtrundfahrt bei Nacht.  
Nun haben wir die USA durchquert und sind im Osten angekommen. Wir koennen es selbst kaum glauben, in der Hauptstadt zu sein, das Weisse Haus und Pentagon zu sehen, was man bloss aus dem Fernshen kennt, sowie das Kapitol und Washington Denkmal und vieles mehr. Da Washington ein einziges Museum zu sein scheint, und die Smithsonian Museen hier sind, verbrachten wir tatsaechlich einen Tag in 2 Museen, eine fuer uns nicht sehr uebliche Aktivitaet, die wir jedoch genossen.
Wohin geht es nun weiter? Es bleibt nicht viel Land weiter gen Osten, dort kommt das grosse Wasser. Aber es bleibt viel Land nach Norden oder Sueden oder das Flugzeug! Aber wie immer lasse ich dies offen, bis zu unserem naechsten Eintrag.
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