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USA Teil 5 (14.09.2011 - 17.10.2011)

veröffentlicht um 17.10.2011, 11:07 von Tobias Pieper   [ aktualisiert: 07.11.2011, 09:21 ]
Torrington, Wyoming bis Chicago, Illinois

Hatten wir auch in Torrington einen Wintereinbruch von zwei Tagen, kam fuer uns rechtzeitig zum Weiterfahren die Sonne und Waerme wieder zurueck. Aller Anflug von Herbst und Winterstimmung war verflogen. Wir hatten nun den Staat Nebraska vor uns liegen. Wenn wir Leuten erzaehlten, dass wir durch Nebraska fahren, fragten sie immer voller Verwirrung, warum denn Nebraska? Dort gaebe es nichts als Maisfelder und flaches Land. In deren Augen Langeweile pur. Die USA hat doch so viele interessante Ecken...
Aber worum geht es hier fuer uns auf der Reise und der Durchquerung der USA? Es geht uns um das Gesamtbild und die Realitat. Und Nebraska, die Kornkammer oder besser Maiskammer des Landes gehoert dazu. Wo sonst kommen all sie Rohstoffe fuer Lebensmittel- und Futtermittelindustrie her? Und es bleibt natuerlich ganz subjektiv zu sagen, dass Felder und  Flachland langweilig sind. Fuer uns sind eben auch die Gegenden mit am interessantesten, die im Reisefuehrer am wenigsten beschrieben sind. Und ueber Nebraska gibt es ganze 4 Seiten von 1130 Seiten der gesamten USA. Ist das nicht eine Reise Wert?

Ganz im Westen begruesste uns zunaechst der Chimney Rock, eine sehensqwerte geologische Formation. Wie ein riesiger Schornstein auf einem Berg ragt der stehengebliebene Fels in den Himmel. Durch die weitgehend flache Umgebeung kommt dies natuerlich besonders zum Vorschein. Wir radelten in 6 Tagen nach Lincoln und sahen wirklich ausser Mais- und Sojabohnenfeldern nicht viel. Manchmal fuehlten wir uns wie im Film "Und taeglich gruesst das Murmeltier", denn jeder Ort sah gleich aus. Ein Wasserturm, mehrere Silos, die Bahnlinie auf der rechten und eine Tankstelle auf der linken Seite. Kaum ist man durch solch eine Ansiedlung gefahren, sah man auch schon den naechtsen Ort kommen, jedoch etliche Meilen entfernt.
Die Bahnlinie ist fuer den Transport von Kohle vorhanden. Endlos lange Zuege donnern permanent ueber die Schienen, um den Energiehunger im Osten zu stillen. Da es wohl viele Unfaelle gab, sind die Lockfuehrer wohl verpflichtet bei jedem Bahnuebergang aufs Horn zu druecken. Die Bahnuebergaenge sind natuerlich in den Ortschaften und es wird nicht nur einmal auf die Tube gedrueckt, sondern mehrfach in endlos langen Toenen. Nachts gibt es da keinen Unterschied und der Betrieb laeuft 24 Stunden. Wir wissen nicht, wie die Anwohner das ertragen koennen. Es ist wirklich eine absolute Laermbelaestigung. Bei uns wuerde man wohl auf die Barrikaden steigen.

Ein weiterer Grund, warum unsere Route durch Nebrska fuehrte, sind unsere guten Freunde in Lincoln. Wir freuten uns riesig auf ein Wiedersehen, denn wir hatten sie damals in Hong Kong besucht, wo sie als Missionare leben. Dieses Jahr sind sie allerdings fuer ein Jahr in den USA. Wir verbrachten zwei Wochen zusammen und erlebten eine Zeit vieler Gespraeche, konnten herrlich ausspannen mit Videoabenden, tollem Essen und Bergen von Eiscreme. Zum Ausgleich halfen wir im Garten und erlebten ein Footballspiel von Josiahs Schulklasse. Es war eine wertvolle Zeit fuer uns und wir sind Dankbar, dass wir solch liebe Menschen wie Familie Van Schooten unsere Freunden nenne duerfen.
Seit Lincoln sind wir nun stolze Besitzer neuer Ortlieb Taschen. Nach vielen Emails hat uns nun die Firma Ortlieb einen guten Rabatt auf neue Taschen gegeben.    
Unsere alten Taschen waren allmaehlich gut verschliessen und jede Regenwolke brachte etwas Sorge mit sich, dass unsere Sachen nicht 100% trocken bleiben wuerden. Aber wie dies mit neuen Sachen so ist: Firmen stehen unter Innovationszwang und leider sind die Veraenderungen und Erneuerungen nicht zwangslaeufig besser.
Nachdem wir Lincoln verliessen, trafen wir auf unserem Weg durch Iowa auf einen Radweg. So lernten wir die "Rails to Trails" kennen, alte Bahnwege, die zu Radwegen umgebaut wurden. Endlich gab es die Moeglichkeit, die herkoemmlichen Strassen zu verlassen und auf einem Radweg, eingerahmt von Baumreihen in voelliger Stille zu radeln. Wenn es auch noch immer sommerliche Temperaturen tagsueber hatte und fast nie Wolken am Himmel zu sehen waren, so zeigte der Herbst allmaehlich seine Spuren. Die Laubbaeume, die wir seit sooooo langer Zeit nicht mehr gesehen haben, verfaerben ihre Blaetter. Wie angemalt stehen die Baeume in ihrem goldgelben Laub und lassen ihre Blaetter zu Boden fallen, als wuerde die frische Farbe noch abtropfen. Wir rollten ueber knisterndes Laub und die Eichhoernchen sprangen im Wettlauf vor uns her und sammelten ihre Nuesse fuer den Winter. Es fuehlte sich traumhaft an und die frische Luft durchstroemte uns. Das Glueck ist fast nicht erfassbar, solch emotional beruehrende Momente sind dies.
Warum realisieren nur so wenige Menschen die Schoenheit unserer Schoepfung? Warum rasen alle nur von A nach B in ihrem fetten Auto entlang der Schnellstrassen? Der Mensch hat die Faehigkeit, Dinge zu erkennen und sich zu wundern. Er kann Dinge bewundern und Freude empfinden. Warum gibt es all die Schoenheiten auf der Welt, wenn sie niemand bewundert? Ist dies nicht eine unserer Daseinsgruende, dass wir unsere Umwelt, unsere Schoepfung bewundern sollen? Warum sonst gibt es so viele Kleinigkeiten, die das Herz erfreuen. Ist denn alles nur noch etwas Wert, wenn es eine Funktion erfuellt?

Wir fuhren weiter durch Winterset und erfuhren, dass dies der Geburstort von John Wayne ist. Ein kleines Oertchen mitten in Iowa.
Der Wind war fuer diese Etappe nicht ganz unser Freund. Wir hatten etwas zu kaempfen und schnell wurde klar, dass wir noch einen Pausetag einschieben sollten, bevor wir Chicago erreichen. Als wir bei einer Bibliothek stoppten, um im Internet einen Warmshower-Kontakt in Davenport zu knuepfen, wurden wir sehr ueberrascht. In dem Moment, wo wir nach Kontakten schauten, kam eine Email rein. Scot aus Davenport kannte unsere Route nicht, aber lud uns herzlich ein, bei ihm vorbeizukommen, sofern Davenport auf unserer Route liegen wuerde. Wir konnten es nicht fassen. Wir hatten keine Ahnung, wie er auf uns gestossen ist, noch wie er auf die Idee kommt, uns aus heiterem Himmel einzuladen. Es war unglaublich.
Und so kam es dann, dass wir bei ihm einen Tag Pause einlegten. Es war wieder einmal zur richtigen Zeit, denn es gab einen Wetterumschwung, der einiges an Regen brachte. Es wird nun so langsam wirklich Herbst und graue Tage mit Regen schleichen sich immer wieder zwischen die Sonnentage ein.  
Der Wetterwechsel brachte aber auch einen Windwechsel, was uns sehr zu gute kam. Der Wind bliess stark aus Westen und bliess uns in zwei Tagen von Davenport nach Chicago. Es war so herrlich, endlich mal wieder ueber die Stassen zu fliegen.

Hier in Chicago treffen wir einmal mehr Bekannte, die wir auf der Reise kennenlernten. Wir fuhren zusammen im selben Zug von Machu Picchu zurueck nach Cusco. Eine dreieinhalb Stunden Zugfahrt. Wir hatten damals solch eine nette Zeit, dass sie uns einluden, bei ihnen in Chicago vorbeizuschauen. Wir hatten sie gewarnt, dass wir in der Regel solche Einladungen auch wahr machen. Und nun ist es Wirklichkeit. Wir sind bei Rebecca und Tim, 6 Monate spaeter in der riesigen Metropole Chicago angekommen.
Chicago ist eine vielumschwaermte Stadt. Bei unserem Ausflug in die Innenstadt, besuchten wir den Willis Tower, das hoechtse Gebaeude der USA mit 442 m und 110 Stockwerken. Der Blick ueber die Stadt war faszinierend. Man kann keine Stadtgrenzen ausmachen und Lake Michigan vermittelt den Eindruck, man wuerde am Meer stehen.
Wir sind selbst gespannt, was wir hier noch erleben werden und geniessen ein paar Tage in der Grosstadt.
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