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Aserbaidschan (10.06.2009 - 21.06.2009)

veröffentlicht um 19.11.2009, 22:38 von Tobias Pieper   [ aktualisiert: 10.02.2012, 11:27 ]
Wir fuhren mit viel Nervositaet im Bauch zur georgisch-aserbaidschanischen Grenze. Dort schien zunaechst alles relativ entspannt zu sein. Kein starkes Verkehrsaufkommen oder aehnliches, wie an der letzten Grenze. Die Georgier waren sehr freundlich und wollten auch gleich wissen, wo wir her kommen, was wir machen, wo wir hin wollen. Sie konnten gut englisch, was sehr angenehm war. Wir freuen uns immer, wenn wir wieder richtig sprechen und kommunizieren koennen. Ein Grenzer ging dann mit unseren Paessen weg. Es dauerte eine Weile und dann fragten wir nach, was er denn so lange gucken wuerde. Wir bekamen dann die Auskunft, dass der Aserbaidschan Probleme macht, bei der Einreise von visapflichtigen Staatsbuergern. Sie wuerden nun mit unseren Paessen zu den aserbaidschanischen Kollegen fahren, um zu checken, ob wir mit unserem Visum einreisen duerfen. Wenn wir dort alleine erscheinen wuerden, wuerden wir garantiert weggeschickt werden. Darum versuchen sie nun, uns zu helfen. Dies waren sehr angespannte Minuten. Es dauerte eine ganze Weile, aber das Unterhalten mit den anderen Kollegen hielt uns bei Laune. Wir drueckten innerlich alle Daumen. Und endlich kam der Grenzer zurueck. Wir bekamen unsere Paesse mit der Antwort, wir wuerden einreisen koennen. Es sei kein Problem, das Visum sei akzeptiert. Da viel uns der erste Stein vom Herzen, aber wir waren noch nicht durch. Aber wir sagten sofort, als die Grenzer uns halfen, dass uns da wieder einmal Hilfe geschickt wurde. Und hier stimmen wir Tobias Tante zu, die sagen wuerde, "der Dank geht nach oben".
 
Wir bekamen den georgischen Ausreisestempel und fuhren zur aserbaidschanischen Seite. Dort begruesste uns ein Sproessling in Tarnkleidung mit umgehaengten Maschinengewehr. An ihm durfen wir so vorbeifahren bis zum ersten Tor. Dort gingen sie mit unseren Paessen weg. Dann fragten sie nach unseren Namen, guckten uns genau ins Gesicht, ob wir die auf dem Foto auch sind. Dann durften wir durch das Tor. Dort standen die naechsten in Tarnkleidung uniformierten Heranwachsenden, teilweise mit Maschinengewehr. Dort verbrachten wir eine ganze Zeit. Unsere Paesse wanderten von einem zu anderen, wieder zurueck und ins naechte Kaemmerchen. Wir hatten das Gefuehl, dort wird das ganze ziemlich aufgepuscht. Aber wir verhielten uns ruhig, waren geduldig, laechelten und beantworteten ruhig die Fragen der neugirigen Fast-noch-Kinder. Es war schon ziemlich schrecklich und erschreckend zu sehen, wie jung (etwa Anfang 20) die Jungs sind, und mit den Waffen so da stehen.  Wir bekamen unseren Stempel auf das Visum, was wir somit eingeloest haben. Und dann durften wir das letzte Tor passieren. Ja, wir hatten es geschafft,. Wir waren im Aserbaidschan!!!!!!!!!
 
Es war eine bruetende Hitze, wir wurden von einer Baustellenstrasse empfangen, die auch fuer den Tag nicht enden wollte und die Leute wirkten sofort wieder froehlicher. Sie erinnerten uns an die Tuerken, was in dem Moment gut tat. Wir wurden seit Rumaenien immer wieder von Autos angehupt und gegruesst. Es steigerte sich stark in der Tuerkei. In Gerogien kamen dann Ausmasse hinzu, dass die Leute das Martinshorn oder Polzeisignal an ihren Autos statt Hupe hatten. In Georgien fing es an, dass es uns genervt hat, denn das Hupen war so plump und stumpf. Sie drueckten einfach volle Kanne drauf. Der Aserbaidschan hat aber dem ganzen noch die Krone aufgesetzt. Fast alle hupen hier. Es gibt also doch noch eine Steigerung. Wir mussten uns am Ende immer das Ohr zuhalten, denn es tat nur noch weh. Viele sind auch langsam neben uns hergefahren, um zu erfahren, wo wir herkommen. Oder sie hielten vor uns an, liesen uns vorbeifahren und ueberholten uns wieder. Nur um moeglichst viel gucken zu koennen. Wir wurden noch nie so viel beguckt. Wir fuehlten uns fast wie Tiere im Zoo. Und immer wieder, wo kommt ihr her, wo wollt ihr hin. Wir konnten es nicht mehr hoeren. Unsere Nerven gingen mehr und mehr dem Ende zu. Wir spuerten, wir brauchen dringend eine laengere Pause. Die Menschen rauben einem viel Kraft. Alle meinen es gut, alle sind nett, offen, interessiert. Aber irgendwann kann man nicht mehr. Wir haben andere deutsche Reisende in Tiflis getroffen. Denen ging es auch so. Man kann dann nicht mehr. Die Gastfreundschaft wurde ploetzlich nur noch anstrengend. Wir entwickelten fuer die Kommunikation auf der Strasse nur noch die Kurzform "Alemania (Deutschland) - Iran". Auf die Leute, die einen bei Pausen umringenten, gingen wir nur noch bedingt ein. Wir waren nicht mehr faehig. Zu alle dem kamen die extremen Wetterbedingungen. Immer zwischen 35 und 38 Grad und zwei Tage starken Gegenwind, wo wir das Gefuehl hatten, uns wird ein heisser Foehn unaufhoerlich ins Gesicht gehalten. 
 
Das Land ist flach, fast wie an der Nordsee und teilweise hat es wuestencharakter. Uns war klar, dass ist die Probe fuer Turkmenistan, wo uns genau das wohl auch erwartet. Temperaturen um die 40 Grad, wuestenaehnlich und vermutlich Gegenwind. Da uns nichts im Aserbaidschan gehalten hat, weder landschaftlich, noch sonst wie, legten wir ein gutes Tempo vor und schafften taeglich um die 100 Kilometer. Es wurde zum Transitland mit dem einen Ziel: Nur noch ans Kaspische Meer kommen und dort erst mal mehrer Tage ausspannen. Urlaub vom Radeln und Urlaub von den Menschen! Campingplaetze gibt es nicht, also sind wir in einem Hotel. Da haben wir auch nicht geknausert, sondern uns eins rausgesucht, wo man sich echt wohl fuehlen kann. Aber wie das immer so ist. Man nimmt sich vor, nichts zu tun, aber am Ende roedelt man doch nur rum. Die Erlebnisse sind nun sehr gemischt.   
 
Am ersten Tag haben wir erst mal etwas im Bett rumgelegen. Im Hotel konnten wir unsere Sachen waschen bzw. sie wurden gewaschen und sogar gebuegelt. Das war ein toller Service. Es hies, dass sie einen Business-Room haetten, wo wir das Internet nutzen koennten. Am spaeten Nachmittag wollten wir schon mal E-mails lesen und gucken, was es fuer ein Computer ist. Man weiss ja nie. Wir wollten schon mal unsere Fotos auf die externe Festplatte ziehen. Als wir sie ansteckten und den Ordner mit den Fotos oeffnen wollten, war nichts mehr drin. Wir versuchten es noch mal. - Nichts! Wir konnten es nicht fassen. Wo sind unsere Fotos? Wir gingen zur Rezeption und da vielen sie aus allen Wolken, dass wir unsere Festplatte angeschlossen haben, denn sie haetten einen Virus. Warum sie uns das nicht gesagt haben, wollten wir wissen. Ja, weil wir doch das Internet benutzen wollten. - Super! Wir mussten uns bemuehen ruhig zu bleiben. Die Festplatte ist super wichtig. Dort sind all unsere Fotos drauf und wichtige Dokumente, die wir fuer die Reise noch brauchen. Auch diese waren nicht mehr da. Tobias ist sofort zum naechtsen Internetcafe, um zu gucken, ob wirklich alles weg ist. Bei denen war alles "out of order". Kein Computer war zu dem Zeitpunkt benutzbar. Auf dem Weg hatte Tobias einen Laden gesehen, der Videos macht, schneidet usw. Dort ist er rein. Dort war auch ein Freak, der meinte, er koennte den Virus, der nun auf unserer Festplatte sei, vernichten und die Daten wiederherstellen. Ja, soetwas geht. Also, wir hatten wieder Hoffnung. Das Programm dauert natuerlich ewig, bis es durchgelaufen ist, um die Daten auf der Festplatte wiederzufinden. In der Zwischenzeit sind wir alle zusammen Teetrinken gefahren. Auch hier ist das Teetrinken so verbreitet, wie in der Tuerkei.
 
Vielleicht ein kurzer Exkurs zur Kultur. Aserbaidschan ist ueberwiegend muslimisch, hatte aber eben auch den russischen Einfluss zur Sowjetzeit. Entsprechend vereint sich hier der Islam  mit der russischen Mentalitaet. Im Reisefuehrer ist es so beschrieben, wie wir es auch empfinden. Auf der einen Seite die offene gutmuetige Gastfreundschaft, der sich auch aus der muslimischen Moral ergibt, aber dann doch der kuehlere, alkoholzugeneigte russische Charakter. Es treffen zwei Gegensaetze aufeinander.
 
Aber zurueck zu unserem Festplattenproblem. Unser Computerfreak konnte auch nicht viel englisch, aber sein 15 jaehriger Neffe. Er wurde als Dolmetscher rekrutiert. Wir waren zu viert erst mal Tee trinken. Es war mittlerweile 21.00 Ihr. Dann meinten sie, es sei eine Hochzeit, von dem Bruder seiness Freundes. Wir koennten gerne mitfeiern. Eine Hochzeit beginnt um 19.00 und ist um 0.00 beendet. Es gibt viel Essen und Musik. Natuerlich sind wir immer interessiert an solchen Gelegenheiten. Wann kann man schon einer einheimischen, traditionellen Hochzeit beifroenen. Wir fragten, ob es auch wirklich kein Problem sei. Natuerlich nicht! Und schon sassen wir in einem riesigen Saal. Laute Musik, tanzende Leute und Tische voller Essen. Wir liessen es uns schmecken und genossen die andersartige Atmosphaere. Wir hatten echt Spass. Und unser kleiner Uebersetzer war echt gut in englisch fuer sein Alter. Ein richtig cleveres Kerlchen. Nach etwa 2 Stunden verliesen wir die Feier und tranken erneut Tee in einem Teegarten. Wir wollten ja schon laengst ins Hotel, aber den letzten Tee liesen sie sich nicht abschlagen. Der Suchlauf der Daten dauerte wohl die ganze Nacht. Um 2.00 lagen wir voellig alle im Bett. Wahnsinn, was fuer ein Tag. 
 
Unser Computerfreak ist auch Kameramann und hat Kontakte zur Presse. Er war an dem Abend viel am herumtelefonieren und so kam es, dass er uns sagte, wir wuerden am nachtsen Tag von der lokalen Presse Laenkaeran und der Presse aus Baku gefilmt werden. Sie wuerden einen Bericht ueber uns machen. Naja, recht glauben konnten wir das noch nicht. 
Am naechsten Morgen sind wir wieder in den Laden, um nach unsere Festplatte zu gucken. Bevor wir uns aber damit befassen konnten, hiess es, wir sollten uns umziehen, die Presse wuerde in einer halben Stunde kommen. Wir konnten es nicht fassen. Wir haben also unsere Raeder gepackt, unsere Radsachen angezogen und dann kamen drei Kameramaenner. Natuerlich konnten die Reporter kein englisch und unser kleiner Dolmetscher musste wieder ran. Aber er hatte echt Spass dran. Ja, und nun kommen wir wohl ins aserbaidschanische Fernsehen. Ist das verrueckt, oder was?
 
Unsere Festplatte ist aber ein Problem. Bisher hatten wir noch kein Erfolg. Das Gute ist, dass im Grunde kein Foto verloren ist, weil wir immer DVDs brennen, die wir dann nach Hause schicken. Wenn wir die Nachricht erhalten, dass sie angekommen ist und die Fotos dort noch mal auf dem Rechner gesichert sind, werden sie erst von unsere Kameraspeicherkarte geloescht. Also, die Fotos, die auf der Festplatte waren und noch nicht gebrannt wurden, sind noch auf unseren Speicherkarten. Es ist aber echt mist, wegen unseren Dokumenten. Aber noch ist die Hoffnung nicht verloren, denn diese stirbt zu letzt.
 
Wir bleiben noch einen weiteren Tag im Hotel, bevor wir unseren Weg in den Iran fortsetzten. Dort muessen wir allerdings noch die Lage checken. Die Proteste bezueglich der Praesidentschaftswahl werden sich hoffentlich schnell legen. Das Auswaertige Amt hat aber noch keine Reisewarnung geschrieben. Man soll sich von grossen Menschenansammlungen und politischen Veranstaltungen fern halten. Wir nehmen das Ganze ernst und muessen gucken, wie es sich nun entwickelt.
Wir hoffen, dass wir im Iran auch das Internet nutzen koennen und Windows und die Tastaturen auf englisch zu finden sind. Denn auf arabisch sind wir aufgeschmissen.
 
 
Wir sind noch immer in unserem Hotel im Aserbaidschan. Wir haben noch 2 Tage drangehaengt. Die Tage verliefen leider zu Beginn nicht so erholsam, wie wir dachten. Das Problem mit der Festplatte hat uns doch viel Zeit gekostet. Die Homepage lies sich auch nur haeppchenweise aktualisieren, da die Internetverbindung im Internetcafe immer wieder abbrach. Es hat alles verdammt viel Nerven gekostet. Und dann stellten wir bei der Wartung der Raeder fast, dass sich meine Hinterradnabe gelockert hatte. Warum auch immer. Das darf normalerweise nicht passieren. Dadurch ist vermutlich Wasser reingelaufen, das Schmierfett wurde rausgespuelt, die Lagerkugeln hatten spiel und somit haben sie den Konus der Nabe beschaedigt. Hier bekommt man natuerlich keinerlei brauchbare Ersatzteile. Man findet nur Ramsch aus China. Und solch einen Konus haben wir natuerlich nicht mit. Eine Nabe sollte sich auch niemals lockern. Aber so ist das manchmal. Wir bekommen nun eine Nabe nachgeschickt. Das heisst aber, dass meine beschaedigte Nabe nun hoffentlich bis Mashad durchhaelt. Also, drueckt die Daumen.
 
Wir hatten hier zwischenzeitlich das Gefuehl, wir ziehen ein Problem nach dem anderen an. Der Hoteldirektor hat alles mitbekommen. Das mit der Festplatte war ihm besonders unangenehm, denn den Virus hatten wir von seinem Rechner. Er wollte uns unbedingt helfen, uns was gutes tun. Wir haben uns ueber die Tage richtig mit ihm angefreundet. Da wir eben fuer alles laenger brauchten als geplant und wir echt auch Pause brauchten und uns auch von den Pannen erholen mussten, blieben wir nun 6 Naechte. Die letzten beiden schenkte er uns. Mit der 2. geschenkten Nacht waren wir ja nicht einverstanden. Die wollten wir wieder bezahlen, aber es war kein durchkommen. Er weigerte sich, die Nacht bezahlen zu lassen. Zudem haben wir heute einen total schoenen Ausflug in die Umgebung gemacht. Der Aserbaidschan in hier im Sueden voellig verschieden zu dem Rest. Hier ist subtropisches Klima, viel feuchter als im Rest des Landes. Entsprechend viel Wald ist hier. Und im Sueden gibt es auch wieder hohe Berge. Das heisst, die Landschaft ist wieder bedeutend attraktiver.
 
So stressig die Tage auf der einen Seite waren, so sehr hat sich das ganze doch am Ende wieder gewendet. Wir haben noch mal einen sehr positiven Eindruck von Aserbaidschan bekommen. Sollte jemand mal mit dem Gedanken spielen, sich hierher zu begeben, dann empfehlen wir Hotel Qala in Laenkaeran. Hier laesst es sich erholen und Ausfluege in eine wirklich schoene Umgebung machen.
Und nun hoffen wir, dass uns der Iran rein laesst und unsere Route von den Protesten unbehaelligt bleibt.

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