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Rumänien (20.04.2009 - 29.04.2009)

veröffentlicht um 19.11.2009, 22:12 von Tobias Pieper   [ aktualisiert: 10.02.2012, 11:24 ]
Rumaenien, das Land, in dem einem die Leute alles klauen, eine niedrige Hemmschwelle fuer Ueberfaelle vorhanden ist....
So wird es einem ja immer gesagt. Wir machen uns nun selber ein Bild von den Rumaenen, die man auf keinen Fall alle ueber einen Kamm scheren kann, so wie man es mit keinem Volk tun kann und sollte.
 
Die Grenzueberfahrt war bereits das erste klasse Erlebnis. Obwohl Rumaenien mittlerweile auch zur EU gehoert, gab es noch Grenzkontrollen. Ich war ja tatsachlich etwas nervoes. Zu erst mussten wir die Paesse den Ungarn zeigen. Der Kontrolleur konnte etwas deutsch und wollte wissen, woher wir kommen, welche Stadt und so weiter. Als er dann den Tachostand las, wie weit wir nun schon geradelt sind, konnte er es nicht fassen. Er war so begeistert, dass er uns einen Energydrink und 4 Riegel Kinderschokolade in die Hand drueckte und meinte, wir braeuchten Energie!! Der Grenzbeamte der Rumaenen zeigte sich dagegen recht uninteressiert. Wir haben uns Stempel geben lassen, obwohl dies nicht mehr noetig ist. Nun haben wir die ersten Stempel in den Paessen!!!
Es war definitiv ein erster guter Start ins neue ungewisse Land voller Vorurteile, von denen wir uns gedanklich so frei wie moeglich gemacht haben.
Als wir dann ein Plaetzchen fuer die Nacht suchen wollten, mussten wir gar nicht suchen, wir wurden gefunden. Es wurde frisch und ich wollte mir meinen Pulli anziehen. Darum hielten wir im Ort am Strassenrand an. Und schon kamen interessierte, neugierige Leute auf uns zu, um zu erfahren, wer wir sind, was wir suchen, ob sie helfen koennen. Ein Mann holte gleich seinen Sohn, der englisch sprach. Und so kam es, dass wir bei der Familie direkt bleiben konnten. Sie hatten einen kleinen Garten mit Gruenflaeche. Aber wir brauchten nicht zelten, wir sollten drinnen im Haus schlafen. Im Wohnzimmer auf unseren Isomatten. Und schwupp die wupp sassen wir mit 8 Leuten zusammen, haben Bier getrunken und wurden mit einer riesen Portion Spaghetti bekocht. Wir waren von der Gastfreundschaft ueberwaeltigt.
 
Es stellt sich aber heraus, dass es keine Rumaenen sind. Der Mann ist Ungar und die Frau Bulgarin. Sie sagten selber, dass wir vorsichtig sein sollten, es gibt crazy people in Rumaenien. Dies mag sein, aber wir konnten uns bisher Gott sei Dank nur vom Gegenteil ueberzeugen. Wir haben 3x in privaten Gaerten gezeltet, 2x in Unterkuenften und einmal wild. Dies war oben in den Karpaten auf einem Bergplateau, wo uns nichts anderes uebrig blieb, weil der Weg runter zu weit war.
 
Die Gastfreundschaft ist hier in Rumaenien staerker als in den vorigen Laendern. Man wird oft erstaunt und neugierig angeschaut und manchmal auch angesprochen. Die Leute gehen viel mehr auf einen zu. Das kennt man bei uns ueberhaupt nicht.   
 
Was haben wir aber noch in Rumaenien erlebt. Als wir an einem Morgen weiter fahren wollten, eroeffnete sich eine lehmige Schlammpiste vor uns. Wir erkundigten uns bei einem Polizisten, ob wir in die richtige Richtung fahren. Er sagte ja, aber es sei fuer 4 km ein sehr schlechter Weg, aber vielleicht befahrbar. Es hatte die Nacht geregnet. Wir waren mutig und fuhren los, denn die Alternative waere ein riesiger Umweg gewesen. Tja, aber sehr weit kamen wir nicht. Der lehmige Untergrund war aufgeweicht und klebte sofort an den Reifen und setzte sich zwischen Reifen und Schutzblech, so dass die Raeder blockierten. Es war kein vor-, noch ein zurueckkommen. Wir mussten aus dem Schlam(m)assel raus, einfach raus und weg, irgendwie. Wir haben die Raeder etwas freigepult mit Stoeckchen und Fingern. Zurueck kamen wir an einer Baustelle vorbei, so dass wir einen Wasserschlauch bekommen konnten. Das war genial, aber der Mist war wie Kleber. es ging fast nicht ab. Die Geschichte hat uns eine Stunde gekostet und dann 70 km Umweg. Und das, weil 4 km nicht bewaeltigbar waren. Echt gemein, aber so ist das manchmal. Der Weg ist das Ziel!!!!!
 
An einem Tag hatten wir uns den Zielort fuer den Tag rausgesucht und ueberlegt, mal in eine Unterkunft oder wenn vorhanden auf einen Campingplatz zu gehen. Wir dachten, dies sei vielleicht ein etwas touristischer Ort, so kurz vor den Karpaten. Als wir am Abend dort ankamen, empfing uns ein Ort, dessen Haeuser vom Kohlestaub schwarz ueberzogen waren und teilweise voellig zerfallen und verlassen aussahen. Wir mussten eigentlich noch unser Abnedessen einkaufen, aber im Zentrum wollten wir nicht anhalten. Die Stimmung war sehr komisch, schwer beschreibbar. Wir fuhren einfach durch und dann ueberkam mich etwas Unbehagen, wo wir denn wohl heute bleiben wuerden. Wir wollten doch eine Unterkunft nehmen. Aber in dem Bergbaudorf schien es keine derartige Infrastruktur zu geben. Tobias blieb ganz ruhig und zuversichtlich, dass wir was finden wuerden. Und und Fruehstueck bekommen konnten. Und dann war wieder alles gut.  
 
Unsere Route fuehrte uns weiter ueber die Karpaten. Wir wollten aber nicht die Hauptstrasse nehmen, sondern einen Waldweg, der uns auf etwa 1200 m hoch fuehrt und dann wieder runter. Es war ein klasse Erlebnis. Der Weg war super, eine geniale Route. Zwar verdammt anstrengend und teilweise eher wander- als radfahrgeeignet, aber manchmal packt uns der Ehrgeiz und die Lust auf extreme Anstrengung. Ja, wir moegen etwas verrueckt sein, denkt der ein oder andere, aber Sportler sind halt so. Sie brauchen mal den Druck und den Schmerz in den Beinen, wenn es steil bergan geht. Der Weg war jedoch laenger als wir dachten. Wir wollten hoch und wieder runter fahren, an einem Tag. Aber wir waren am Abend erst oben auf dem Plateau. Das Wetter war super warm und sonnig. Dort war eine Alm, wo es fliessend Wasser aus einer Quelle gab, in die eine Leitung gelegt war. Die Alm war noch unbewohnt. Hier brauchten wir auch keine Angst vor verrueckten Leuten zu haben. Hoechstens vielleicht vor wilden Tieren, wie Wolf oder Baer? Wir wissen nicht genau, ob es sie hier noch gibt, aber moeglich waere es. Das Essen blieb vorsichtshalber ueber Nacht draussen und nicht im Vorzelt.
Am naechtsen Morgen war das Wetter aber nicht mehr so gut. Wie es in den Bergen eben ist, das Wetter wechselt schnell. Es war neblig und der Weg nur ein Stueck weit zu sehen. Am Vortag trafen wir einen Bauern, den wir an einer Weggabelung nach dem richtigen Abzweig fragten. Er meinte, es kaemen noch 2 weitere. Nun wussten wir Bescheid. Aber der Nebel am Morgen machte es uns nicht leicht. Wir folgten zwar der Beschreibung des Mannes, aber was fuer den Kenner des Weges eindeutig erscheint, ist fuer den Unbeknnaten noch lange nicht eindeutig. So standen wir im Nebel an einem Abzweig. Hoch und runter geht es nur einen Weg, aber auf der Hochebene gibt es ploetzlich viele Wege. Es war eine echt mulmige Situation. Aber wir bekamen ein Zeichen. Wir hoerten Treckergeraeusche. Wir konnten ihn nicht sehen, nur hoeren. Erst kam er naeher, und dann wurde er wieder leiser. Ein aezendes Gefuehl, erst freust du dich, dass Hilfe naht und dann entfernt sie sich wieder. Wir haben dann den Weg genommen, der zum Geraeusch fuehrte. Und da trafen wir auf Leute. Es war sogar der selbe Bauer vom Vortag und er sagte uns nochmal den Weg. Wir waren aber bereits richtig. Puh, da hat uns aber wieder jemand beschuetzt und uns den Weg gewiesen.
Es hat noch mal einen Tag gedauert, bis wir wieder unten waren. Und nun machen wir Pause in einer Kleinstadt und haben eine tolle Pension gefunden. Hier sitzen wir gerade an dem Rechner der Rezeption. Die Leute sind sehr nett. Wo kann man schon am Rechner der Rezeption mehrere Stunden verbringen, um seine Homepage zu aktualisieren. 
 
Also, die Rumaenen sind cool drauf. Auch auf der Strasse. Wir fahren meist mit Warnweste, aber sie halten immer Abstand, und viele Winken oder Hupen vor Begeisterung.
Gestern Abend haben wir auch mal etwas Nachtleben erfahren. Hier in der Stadt war Livemusik, die wir uns angehoert haben. Der Eindruck des Nachtlebens war wie in jeder Stadt. Viele junge, gut gelaunte Leute.
 
Bevor wir das Land verliesen erlebten wir einen sehr geselligen Abend mit einem rumaenischen Ehepaar, welches uns in ihrem Garten zelten lies. Wir sollten eigentlich im Haus schlafen, doch wir zogen das Zelt vor. Aber der Tisch wurde reich gedeckt mit Polenta, Eiern und viel Fleisch der eigenen Tiere. Es war soo lecker. Die Verstaendigung lief an diesem Abend auf franzoesisch. Die Frau wollte mal Französischlehrerin werden. Ich musste ziemlich die Vokabeln hervorkramen, aber es ging super. Es hat richtig Spass gemacht nach etwa 6 Jahren wieder so viel französisch zu sprechen. 
Unser Eindruck von Rumaenien ist sehr positiv. Sicherlich gibt es auch komische Ecken und vielleicht auch Leute, aber wir sind von viel Gastfreundschaft und Freundlichkeit umgeben gewesen. Wir hoffen, dies bleibt auch so fuer Bulgarien und den Rest der Tour. 
 
Mancher meint, wir rasen so durch die Staedte und Laender, es stecke so viel Geschichte in alle dem. Ja, das mag sein, aber wir sind nicht hier, um Geschichte aufzuarbeiten, sondern das aktuelle Leben zu erfahren. Und das bedeutet, zu erleben, wie eine alte Frau kommt, die uns selbstgebackenen Kuchen gibt, weil wir auf der Bank vor ihrem Haus sitzen, um Mittagspause zu machen.
 
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