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Peru Teil 2 (06.06.2011 - 25.06.2011)

veröffentlicht um 25.06.2011, 20:29 von Tobias Pieper
Nazca bis Mancora
 
Von Nazca aus erreichten wir am zweiten Fahrtag den Pazifik und hatten nun den Kuestenstreifen Perus gen Norden vor uns liegen. Nach diesen Bergetappen freuten wir uns auf ebene Strassen, wo man einfach mal wieder richtig radfahren kann und Strecke macht. Nach Bergerklimmungen und schleichendem Tempo ueber einige Zeit, brauchen wir auch wieder Kilometerleistung. Obwohl es entlang der Kueste im ganzen huegeliger wurde als gedacht, konnten wir dennoch unser Beduerfnis nach zuegigem Vorankommen mehr als stillen. Es klappte hervoragend und endlich wurden wir mal mit recht konstantem Rueckenwind beloht. Die Hauptrichtung ist Suedwest und das teilweise in kraeftiger Staerke, so dass wir an manchen  Tagen nur so ueber den guten Asphalt flogen.
 
Das erreichen des Pazifiks bei strahlendem Sonnenschein, blau glitzerndes Wasser und weissem Sand, blieb jedoch nur eine Illusion. Da wir nun Winter haben ist das Wetter in der Regel taeglich grau in grau. Die Luft bestand aus einer dicken Dunstwolke, die manchmal am Nachmittag von der Sonne leicht gelichtet wurde. Die Temperatur hielt sich immer um die 25 Grad, was manchmal bei der Luftfeuchte recht schwuel wurde. 
Also, das Wasser konnten wir zunaechst fast nicht sehen und dann fuehrte die Strasse meist sowieso etwas durchs Innland. Und das ist nur Wueste. Wir fuhren mal wieder durch heftige Wuestenlandschaft, wo sich stellenweise richtige Duenen bildeten, die man nur aus der Wueste Saharah kennt oder wie man es sich dort vorstellen wuerde. Auch Wueste kann seine spannenden und abwechslungsreichen Momente haben. Erst recht, wenn man immer wieder in gewissen Abstaenden Oasenorte erreicht, wo fuer einige Kilometer richtig grossraeumig Landwirtschaft betrieben wird. Der Kontrast ist einfach enorm.  
Und immer wieder kamen wir an Huehnerfarmen vorbei oder vielleicht besser gesagt, Eierlegefabriken und Mastbetriebe. Denn hier ernaehrt man sich zu 90% von Huhn und meist fritiert (Pollo frito).

Wir fuehren hier zur Zeit auch ein richtig dekadentes Leben. Wir haben das zelten eingestellt, gehen nur noch in Unterkuenfte und in Restaurants. Auch unser Kocher bleibt somit kalt. Man bekommt hier naemlich gute Zimmer und verdammt leckeres Essen zu einem super Preis. Aber man muss immer gut gucken, denn manchmal schwankt die Qualitaet oder es wird mehr als das doppelte verlangt, fuer das gleiche, was man am Vortag hatte. 
Auch muss man meist deutlich mitteilen, dass man das Zimmer ueber Nacht moechte und nicht bloss fuer eine Stunde, was hier sehr ueblich ist. Sonst bezahlt man den falschen Preis und nach einer Stunde klopft es an die Tuer, weil du ja noch nicht wieder ausgecheckt hast.
 
In Lima haben wir ein paar Tage pausiert und waren bei Bekannten zu Besuch, die wir jedoch bis dahin noch gar nicht kannten. Katharina und Fede haben uns ganz herzlich aufgenommen und wir hatten eine schoene Zeit, waren zusammen im Gottestdienst, die Stadt besichtigen und lecker Ceviche esen. Das ist eine peruanische Spezialitaet aus in Limonen eingelegten Fisch. Durch diese Marinade braucht er nicht gekocht zu werden, sondern ist so essbar und wirklich verdammt lecker und gesund, denn frischer und vitaminreicher geht es wohl nicht
 
Was uns an Peru ziemlich stoert ist der enorme Verkehrslaerm, das Verkehrsverhalten, die unglaubliche Umweltverschmutzung durch Muell, die hier so stark erscheint, wie nirgendwo sonst und die Luftverschmutzung. Ich moechte dies noch ein wenig ausfuerhren. 

Der Muell in der gesamten Landschaft und verstaerkt in Fluessen ruft unglaublichen Frust hervor! Zum einen wird deutlich, dass so viele Menschen einfach keinen Respekt vor ihrer Umwelt haben. Es scheint sie auch in keinster Weise irgendwie zu kuemmern, dass sie mitten im Dreck und Muell und Gestank leben. So viele Staedte stinken erbaermlich nach Muell und so oft nach Fischabfaellen, was teilweise echt widerlich ist. Und das ueberall in der Stadt. Es ist unbegreiflich, wie Menschen so leben koennen. Es fehlt ihnen anscheinend an Wahrnehmung an ihre Umwelt. Und wie soll da Respekt entstehen, was ja noch ein weiterer Schritt ist, als blosse Wahrnehmung. 
Und dann der Frust darueber, dass man selber so endlos viel Muell produziert, weil die Produkte, die man kauft, einfach immer in Plastik bis zu dreimal verpackt sind. Und dann wollen sie einem noch immer eine Tuete andrehen. Warum ist alles in Plastik? Weil es die billigste Variante fuer die Konzerne ist und sie somit die hoechste Gewinnspanne erzielen. Ist das nicht pervers? Und so viele Laender sind hoffnungslos ueberfordert, mit dieser Muellproduktion umzugehen. Es gibt keine Muellabfuhr in kleinen Orten und keine Entsorgungsindustrie. Es wird aus dem Ort gebracht und unter freiem Himmel auf dem Boden verbrannt. Was dem Wind anstatt den Flammen zum Ofper faellt, hat seine Freiheit gewonnen. Und wir sind mit jedem in Plastik verpackten Keks, den wir verzehren genauso schuldig, wie alle anderen auch.

Der Verkehrslaerm und das -verhalten ist enorm stressig und nervig. Die meisten Leute sitzen in ihrem Auto und treten aufs Gas und rasen los. Kommt ein Hindernis, so wird kraeftig auf die Hupe gedrueckt und weiter voll aufs Gas gehalten. "Eine Bremse? Was ist das denn? Ich habe doch eine Hupe!", so koennte ein Zitat lauten, wuerde man sie fragen. Und beim ueberholen wird Lichthupe und Warnblicklicht eingeschaltet und neben einem noch mal kraeftiog aufs Horn gedrueckt. Alles muss ordentlich blinken, laut sein und bloss, dass man alle Hebel betaetigt hat. Aber auf andere Verkehrsteilnehmer achten oder gar ruecksichtnehmen, das sind Fremdwoerter. Wir muessen immer von der Strasse weichen, wenn beidseitiger Verkehr kommt. Und wieder bekommen wir das Gefuehl, das Menschen oft so kopflos, ja wir moechten gar sagen, stumpf sind.
Und dennoch bleibt das Phaenomen der Mitmenschlichkeit. Auch hier, wie schon in den gesamten Laendern, die wir durchreist haben, gibt es eine grosse Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft untereinander und immer wieder uns als Fremden gegenueber.

Hier moechte ich eine Erlebnis erzaehlen, was einerseits diese Hilfsbereitschaft ausdrueckt, gleichzeitig aber ein Erlebnis voller Schrecksekunden war:

Wir fuhren durch eine Gegend, die recht huegelig war. Tobias ist an Steigungen immer flotter als ich. In der Regel wartet er oben, so dass wir gemeinsam die Abfahrt wieder runterfahren koennen. An dem Tag jedoch fuhr er aus irgendwelchen Gruenden weiter und durch die kurvig verlaufende Strasse entpuppte sich die Abfahrt laenger als erwartet. Als ich oben ankam freute ich mich ueber die Abfahrt und war auch nicht so verwundert, dass Tobias schon weitergefahen ist. Es dauerte aber nicht lange und ich aergerte mich richtig, dass er eben schon weg war, denn ich fuhr in voller Geschwindigkeit durch ein Metall und mein Reifen war im Nu platt. Eigentlich nichts wildes, haette Tobias nicht das gesamte Flickzeug in der Tasche. Naja, wenigstens hatte ich ja eine eigene Luftpumpe und versuchte den Reifen aufzupumpen, in der Hoffnung so, Stueck fuer Stueck den Berg herunterzukommen. Aber das Loch war so gross, dass nichts im Reifen blieb. Ich musste also schieben und die schoene Abfahrt war versaut. Es war ein ordentliches Stueck, bis es um eine Kurve ging, hinter der ich Tobias erwartete. An mir fuhren einige LKWs vorbei. Ich ueberlegt, ob ich einen anhalten sollte, um ihn zu bitten, Tobias Bescheid zu geben, dass ich das Flickzeug brauche und er zurueckkommen muss.

Tobias wartete der Weil auf mich in einem kleinen Dorf. Dorf ist schon fast zu viel gesagt. Also auf jeder Seite fuenf Haeuser und eben eine Durchgangsstrasse. Nach einer Weile wunderte er sich, dass ich noch nicht einrollte und sah dann LKW-Fahrer ihm Zeichen geben, dass ich schiebe und wohl einen Platten habe. Da er nicht wusste, wie weit ich zurueckliege und die Abfahrt am Ende 7 km waren und eben nach der ersten Kurve noch lange nicht am Ende war, stellte er sein Rad in einem Restaurant unter, schnappt sich das Flickzeug und bat Gaeste im Restaurant, ob sie ihn nicht gerade mitnehmen koennten, um schnell zu mir zu kommen. Als er im Auto auf dem Weg war und den Berg hoch fuhr, konnte er mich aber nicht finden. Er fuhr sogar weiter als zu dem Punkt, an dem er mich das letzte Mal gesehen hatte. Der Autofahrer brachte Tobias zurueck und er hofft natuerlich, dass ich mittlerweile aufgetaucht war. Aber das war nicht der Fall. Und so rief er die Polizei. Die ganze Ortschaft wusste nun Bescheid, dass ich vermisst wurde. Mit der Polizei, die sehr schnell kommen konnte fuer diese verlassene Gegend, ist Tobias die Strecke erneut abgefahren. Tobias hatte unser Handy eingeschaltet, in der Hoffnung, dass ich mich melden wuerde. Was er gar nicht bemerkt hatte war, dass es ueberhaupt keinen Empfang gab. Aber das war gut so, denn das war ja die grosse Hoffnung, dass ich anrufen wuerde. Und so fuhren sie umher und er bat die Polizei dem Radio Bescheid zu geben und anderen Polizisten, dass sie LKWs und Autos kontrollierten...

Und wo war ich nun die ganze Zeit? Was ist passiert? In der Ueberlegung, jemanden anzuhalten, hielt von selbst ein LKW an, um mir zu helfen. Ich wollte, dass sie Tobias Bescheid geben, aber sie schuettelten den Kopf und meinten, es sei doch besser, das Rad aufzuladen und mitzufahren. Es wuerde unten ein Restaurant kommen, wo er sicherlich warten wuerde. Das klang plausibel und die zwei Maenner machten einen vernuenftigen Eindruck. Meine Taschen kamen also ins Fuehrerhaus und das Rad passte irgendwie in die Ablage fuers Ersatzrad, was es nicht gab. Und so fuhren wir los. Als ich sah, dass hinter der Kurve die Abfahrt noch lange nicht zu Ende war, war ich endlos froh, dass ich in dem LKW sass. Es haette eine Ewigkeit gedauert, die bestimmt noch 5 km zu schieben, wobei ich ja so gut es ging, das Hinterrad noch anheben musste. 
In der Ortschaft angekommen, fuhren wir ganz langsam und sechs Augen hielten Ausschau nach einem Fahrrad und einem Gringo, wie wir immer genannt werden. Aber kein Rad, kein Tobias zu sehen. Ehe ich ueberlegen konnte, was schlau ist zu tun, fuhren sie weiter, denn Tobias musste doch noch etwas weitergefahren sein. Ich dachte mir nichts und erwartete ihn hinter der naechsten Biegung, aber da war kein Tobias. Mir wurde unwohl und ich verlor die Fassung. Mir wurde klar, dass er nur in dem Dorf gewesen sein konnte und wir ihn einfach nicht gesehen haben. Mir wurde auch klar, dass ich nun schon so lange weg bin, dass sich Tobias Sorgen macht und so fiel mir das Handy ein, was normalerweise immer ich habe. Ich wollte es einschalten, aber da sah ich, dass es Tobias hatte. Das war eine Erleichterung, denn nun konnte ich ihn ja einfach anrufen. Ich fragte den Fahrer, ob ich sein Telefon nutzen koennte, aber er musste mir leider sagen, dass es keinen Empfang gab, erst im naechsten Ort. Von da koennte ich ihn dann anrufen. Als er den Ortsnamen nannte, wurde mir heiss und kalt zugleich, denn das war der Ort, wo wir am Abend ankommen wollten. Ich konnte nun unmoeglich so lange in diesem LKW sitzen. DFenn es war ganz sicher, dass Tobias so weit niemals gefahren sein konnte. Zeitlich nicht und ich wusste, dass es auch niemals so weit fahren wierde, ohne auf mich zu warten. Aber das war den beiden nur schwer zu verklickern. Ich musste raus und zurueck. Aber aus das war nicht so einfach klarzumachen. Er fuhr und fuhr. Er wollte auf keinen Fall umkehren, das waere viel zu weit. Und wenden auf der schmalen Strasse ging ja eh nicht. Er musste nun erst eine geeignete Stelle zum Anhalten finden und dann musste ich einen anderen LKW anhalten. Es dauerte ploetzlich alles so lange. Es waren endlose Minuten. Aber der Fahrer war so nett und half mir, den naechsten LKW anzuhalten und ihm die Situation kurz zu schildern. Mein Rad kam nun auf das Dach des LKWs. Wir waren mittlerweile echt weit gefahren und der neue LKW fuhr so extrem langsam, dass es mir schwer fiel, mich zu gedulden. Ich wusste, dass Tobias im Ort war und mich nun suchen wuerde und mich eben nicht finden konnte. Es war schrecklich.
Endlich im Ort angkommen, sah ich noch immer kein Rad, aber als ich austieg und nach einem Radfahrer fragte, wussten alle Bescheid und fuehrten mich zum Restaurant, wo sein Rad stand. Ich war voellig aufgeloest und fragt nur nach Tobias, denn der war nicht da. Aber sie zueckten nur das Telefon und sagten, er sei mit dem Auto mich suchen. Und dann war alles gut. Ich wusste, Tobias wuerde nun Bescheid bekommen und ich holte meine Taschen und das Rad aus dem LKW, damit er weiter konnte und dann rollte auch schon das Polizeiauto mit Tobias vor und wir hatten uns wieder - nach 1,5 Stunden! 
Tja, wir sind einfach an einander vorbeigefahren!

Im Norden von Peru, genauer in Paijan, gibt es organisierte Gruppen, die immer wieder Radfahrer ueberfallen und ausrauben. In Trujillo wurde aber gesagt, dass es Polizeipatroullien gibt, die Radler durch die Stadt eskortieren. Und so war es dann auch. Wir wurden schon im Ort davor von einem Steifenwagen aufgegabelt, der von einem anderen angeloest wurde. So sind wir sicher durch die Stadt gekommen. Am Stadtausgang begleitete uns dann ein Polizist mit Moped, der wiederrum von einem entgegenkommenden Streifenwagen abgeloest wurde. Und so fuhren wir unter Polizeiaufsicht bis zum Abend in den Ort, in dem wir in einem Hostel uebernachteten. Es war also eine rundum sichere Fahrt und wir fuehlten uns sogar voll wichtig.
Nein, es ist gut, dass es ernst genommen wird, aber auch schlimm, dass sie es noch nicht in den Griff bekommen haben, denn diese Ueberfaelle gibt es schon mehr als ein Jahr.

Und dann hatten wir kuerzlich ein grosses Jubilaeum zu feiern. Mitten in der Wueste Sechura ueberschritten wir die 40.000 km und eben die 40.024 km, was dem ungefaehren Erdumfang entspricht und sind damit nun theoretische Weltumradler.

Gestern hatten wir dann mal wieder eine unschoene Fahrradpanne. Tobias hat die vierte Felge nun kaputtgefahren. Kurz bevor wir unseren Zielort fuer den Tag erreichten, ist seine Hinterradfelge eingerissen. Wir konnten in dem Ort Ersatz finden oder besser gesagt, etwas improvisieren. Da es keine passende Felge gab, um das Rad umzuspeichen, haben wir ein komplettes Laufrad gekauft. Hier gibt es aber keine Laufraeder, die eine 9fach-Kassette fuer die Schaltung aufnehmen koennen. Wir kauften somit auch eine 6fach-Kassette, die drauf passte. Die Konsequenz ist nun, dass Tobias hinten nicht mehr schalten kann. Er hat somit nur noch die drei Kettenblaetter vorne und faehrt mit drei Gaengen. Es ist ein Wunder, dass es ueberhaupt rollt, denn auch die Kette fuer eine 9fach Kassette ist eine andere als fuer die uebrigen Abstufungen der Schaltung. Aber es funktioniert! Hoffentlich auch lange genug, denn es ist absolute Billigware. Und beim Einbauen musste Tobias feststellen, dass es gar nicht zentriert war. Er musste es also erst noch zentrieren. Nun wundert mich es auch nicht mehr, wie es kommt, dass die Fahrraeder immer so eiernde Raeder haben...
 
Aktuell sind wir am schoensten Strand Perus (laut Reisefuehrer), in Mancora, wo das Wetter auch endlich wieder sonniger ist, und damit aber auch gleich enorm heiss. Nach Ankunft und Zimmersuche sind wir sofort in den Pazifik gesprungen und genossen die Megawellen, die uns meterweit schleuderten. Hier spannen wir erstmal aus, bevor wir dann nach weiteren 1,5 Fahrtagen wohl die Grenze zu Ecuador erreichen.  
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