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Iran Teil 2 (28.06.2009 - 14.07.2009)

veröffentlicht um 19.11.2009, 22:46 von Tobias Pieper   [ aktualisiert: 04.04.2011, 12:46 ]
Die Fahrt am Kaspischen Meer entlang, war rueckblickend entwas eintoenig. Die landschaftliche Veraenderung weiter im Osten des Iran, hin zur vielfaeltigen und strukturreichen Agrarlandschaft im ersten Teil, war eine Wonne fuer die Augen. Der erste Teil des Iran war eher gepraegt von Stadt an Stadt und viel Verkehr sowie einem schwuel-heissen Klima, was einen verdammt hat schwitzen lassen. Die Naechte brachten keine Abkuehlung und somit nur wenig Erholung. Dies aenderte sich aber, als wir das Kaspische Meer verliessen. Die Naechte kuehlen sich nun wieder deutlich ab und man haelt es im Zelt wieder aus. Wir koennen uns wieder erholen. Die Fahrt fuehrte uns zunaechst durch eine gruene Agrarlandschaft und viel Wald, die die Berghaenge bedeckten. Die Iraner nennen ihren Wald Dschungel.
Wir bekamen die Gelegenheit, mit einer Familie in den Dschungel zu fahren. Wir bekamen ein Mopped und los ging der Ausflug. Es war ein absolutes Erlebniss, mal mit einem Mopped im iranischen Verkehr zu sein. Im Dschungel bestaunten wir dann einen echt schoenen Wasserfall. Die Familie hat eine kleine Tochter, die einfach die ware Wonne (knapp 2 Jahr) ist. Sie ist so knuffig, dass wir sie eigentlich mitnehmen wollten. Aber leider wollte sie nicht auf meinem Arm bleiben und wehrte sich mit Handen und Fuessen. Bei Babai (Papa) ist es doch besser auf dem Arm.
Die Schwester der Famile lebt in Mashhad. Sie wollten also, dass wir sie anrufen, wenn wir in Mashhad sind. Dann wollten sie auch mit dem Nachtbus kommen und uns mit zu der Schwester nehmen. Wir freuten uns sehr ueber diese Einladung. Aber man weiss ja nie so genau, ob soetwas auch klappt.
 
Wir fuhren weiter und langsam wurde das Gruen in der Landschaft weniger. Ziemlich schnell, also innerhalb eines Vormittags waren wir in einer Wuestenlandschaft. Alles war nur noch beige, kark, nur mit wuestenartigen Pflanzen. Die Doerfer bestanden nur noch aus Lehmhaeusern. Sie verschwanden foermlich in der Landschaft. Es war irre, obwohl mich gleichzeitig auch irgendwie ein mulmiges Gefuehl ueberkam. Obwohl die Strasse gut befahren war und sich nur der Landschaftstyp veraendert hatte, beaengstigte mich es. Es wirkte so verlassen und ich hatte das Gefuehl, verloren zu sein, wenn hier etwas bloedes passiert. Natuerlich war dies voelliger quatsch. Es fuhren ja so viele Autos. Aber manchmal kann man eben auch durch das rationale Denken die Gefuehle nicht ausschalten. Am naechtsen Tag hatte ich mich aber aklimatisiert und konnte die Wueste mit mehr staunen betrachten. 
 
Und dann bemerkten wir, dass sich die Menschen zum Teil aeusserlich veraendern. Sie sehen ploetzlich nach unserem Verstaendnis asitisch aus. Sie haben schon leichte Schlitzaugen. Wir erfuhren, dass das Turkmenen sind, die im Iran leben. Nun scheint Zentralasien wirklich ganz dicht vor uns zu liegen. 
An einem Abend durch die Wuestenlandschaft fuhren wir in ein Lehmdorf, um einen Zeltplatz zu finden. Wir wurden aber irgendwie sofort weiter ins Dorf rein verwiesen. Wir verstanden zwar nicht, was sie meinten, aber es war klar, dass wir dort nicht zelten konnten. Beim naechtsen Fragen wurden wir erneut weitergeschickt. Und dann ging eine Frau mit uns und fuehrt uns zur Moschee. Dort war eine noch aeltere Frau, die uns rein lies. Ja, wir sollten in der Moschee schlafen. Wir waren voellig baff! Wir, als Westeuropaeer, aus einem christlichen Land, sollten in der Moschee, dem heiligen Ort schlafen. Ein groesseres Zeichen von Toleranz kann es wohl nicht geben. Die Moschee ist mit Teppischboden ausgelegt. Man geht nur mit Socken rein. Moebel oder Stuehle gibt es nicht. Hier im Iran spielt sich alles auf dem Boden ab. Man isst und schlaeft auf dem Teppich. Wir haben nun mehrere Familien erlebt, die auf dem Boden schlafen. Es ist echt so interessant.
 
Es ist einfach schade, dass ueber die Iraner ein solch schlechtes Bild in der Welt herrscht. Sie sind so offen, neugierig und wirklich tolerant. Natuerlich muss ich als Frau ein Kopftuch tragen und ein langes Shirt, was den Hintern bedeckt. Manchmal ist es etwas warm und es nervt mich. Aber nun habe ich mich schon fast daran gewoehnt und weiss es zu haendeln. Viele Frauen tragen hier auch einen langen Umhang, der sie ganz umhuellt. Sie sind wirklich sehr glaeubig und ueberzeugt. Sie leben ihre Kultur und ihren Glauben vollkommen. Natuerlich findet man auch die weniger Konservativen, die im Haus ihr Kopftuch ablegen und mich auch darum bitten. Und man findet auch Leute, die Alkohol trinken. Und von Fanatismus haben wir bisher auch nichts gespuert. Es ist nicht gerecht ein Volk so mit Vorurteilen zu beladen. Sie leiden wirklich darunter. Es ist ihnen total wichtig, zu erfahren, wie wir den Iran finden. Und wenn wir den Daumen nach oben zeigen lassen, dann freuen sie sich und sind vielleicht auch erleichtert.
 
Nun sind wir in Mashhad, einem wichtigen Pilgerort fuer die Iraner. Hier liegt in einem Schrein der Imam Reza. Er soll der 8. direkte Nachfolger von Mohammed sein. Den heiligen Schrein haben wir auch besichtigt. Ich musste dafuer auch solch einen Umhang tragen. das war schon eher nervig, denn man muss ihn festhalten und aufpassen, dass der Haaransatz auch immer bedeckt bleibt. Der riesige Komplex mit Moschee und Museum war sehr beeindruckend. Alles war mit Mosaiken versehen und innen drin die Waende mit aufwaendigen Spiegeln verziehrt. Aber dort durfte man natuerlich nicht fotografieren. Ich glaube sogar, wir waren dort die einzigen Fremden. Ich habe mich auch sehr fremd gefuehlt. Der Ort war total ueberlaufen mit Iranern, die dort beteten und vor dem Schrein huldigten. Ja, dort erlebten wir, wie dem Glauben Ausdruck verliehen wird. Es war wie Mekka in klein. Es ist eben der Pilgerort fuer die Iraner.
 
In Mashhad haben wir bei der Post unsere Pakete abholen koennen. Es war wie ein Wunder, als wir die Pakete in den Haenden hielten. Nun habe ich auch wieder ein original Hinterrad und wir koennen in unseren neuen Reisefuehrern fuer die folgenden Laender lesen. Nach dem Erfolg der Paketabholung sind wir zum turkmenischen Konsulat, um unser Transitvisum zu holen. Es ging vollkommen unkompliziert. Wir waren echt erstaunt. Wir legten unseren Brief der turkmenischen Botschaft aus Berlin und unsere Paesse vor. Wir bekamen ein Formular zum ausfuellen und 1,5 Stunden spaeter tauschten wir Dollar gegen Visum. Wir waren so happy!! Irgendwie klappte es wie am Schnuerchen und das tat gut. 
 
Und dann riefen wir bei unseren iranischen Freunden an, die mit uns den Mopped-Ausflug machten. Ok, sie koennen fast kein englisch, also liesen wir anrufen. Wir baten den Hoteldirektor, fuer uns zu telefonieren. Und dann hies es, dass sie uns am naechtsen morgen um 9.00 am Hotel abholen wuerden. Und so geschah es auch. Nun verbringen wir noch 2 Tage zusammen mit ihnen, haben gemeinsam den Schrein besichtigt und werden lecker bekocht. Die Kommunikation ist manchmal etwas anstrengend. Sie sprechen wie gesagt kaum englisch und so muss man sich gut konzentrieren, dass man sich gegenseitig versteht. Solche Einladungen sind immer echt nett und tolle Erlebnisse, aber sie koennen auch sehr anstrengend werden. Man muss sich eben drauf einstellen und sich druchsetzten wenn man einfach nur Wasser haben moechte und keine Limo. 
 
Nach dem wir Mashhad verlassen haben, begann auch schon das Wuesten-Feeling. Es waren 2 Fahrtage bis zur Grenze. Es war unglaublich warm und sehr trocken. Unsere Schleimhaeute trockneten voellig aus. Zum Glueck hatten wir uns in Mashhad Vaseline besorgt und konnten unsere Nasenschleimhaeute etwas schuetzen.
Die Abstaende zwischen den Doerfern waren ploetzlich viel groesser. Da aber nicht alle Doerfer auf unsere Karte eingezeichnet sind, glaubten wir, es wuerden noch mehr kommen. Wir mussten feststellen, dass dem nicht so ist und hatten etwas zu wenig Wasservorrat mit. Wir mussten also eine laenger Durststrecke im wahrsten Sinne des Wortes ueberstehen. Das war also die erste Lehre. Nicht mehr glauben, dass alle 10-15 km ein Ort kommt, wo man Wassernachschub bekommt. 
 
Am 2. Tag hielt uns ein Mann an, der in Sarakhs wohnt, dem Grenzort vom Iran nach Turkmenistan. Er ist Vorsitzender des Fahrradclubs in Sarakhs und gab uns seine Nummer. Wenn wir in Sarakhs ankommen, sollten wir ihn anrufen, er wollte uns einladen. Wir konnten es mal wieder nicht glauben. Die einzige Huedre war mal wieder die Sprachbarriere. Er konnte kein englisch. Also, wie sollten wir ihm am Telefon klar machen, wo wir in Sarakhs gerade stehen? Wir fuhren also zu einer Bank und hofften dort auf Hilfe. In grossen Banken findet man meistens jemand, der englisch spricht. Und so baten wir darum, dass fuer uns der Anruf getaetigt wuerde. Da unser Gastgeber aber viel beschaeftigt war, mussten wir 1,5 Stunden warten, was wir aber fuer eine Einladung gerne in Kauf nahmen. Er kam auch tatsaechlich ganz puenktlich und wir fuhren hinter ihm her. Waehrend wir warteten, sprach uns ein neugieriger Iraner an, der englisch konnte. Mit ihm waren wir noch immer am plaudern, als under Gastgeber kam. Er nahm den Mann gleich mit, um einen Uebersaetzer zu haben. Solch ein Erlebnis hatten wir schon mal in der Tuerkei. Ich glaube, von der Spontaneitaet mancher Menschen kann man sich eine Scheibe abschneiden. Das Leben wirkt so viel bunter. Viele leben zu sehr nach Zeit und Terminplaner.
 
Als wir dann so hinter ihm herfuhren, glaubten wir, wir fahren zu ihm. Dem war nicht so. Er brachte uns zu einem Hotel. Wir erfuhren dann, dass es verboten sei, Fremde in seinem Haus zu Gast zu haben. Wir hatten so etwas schon mal gehoert. Aber vermutlich ist dies eher fuer die Grenzregion relevant, denn wir waren zu oft zu Gast in privaten Haeusern, als dass dies ueberall im Iran verboten sein koennte. Wir tranken zusammen Tee und dann wurden wir gefragt, ob wir etwas dagegen haetten, wenn wir von einem TV-Reporter interviewt werden wuerden. Er wuerde einen Beitrag ueber uns machen wollen. Unser Gastgeber haette einen Freund, der daran interessiert waere. Naturlich sagen wir bei soetwas nie nein. Tja, und so kam es, dass wir erneut ins Fernsehn kamen. Am naechsten morgen wurden wir um 7.00 gefilmt und interviewt. Wir wollten schliesslich um 8.00 an der Grenze sein. Es ist allerdings noch fraglich, ob wir jemals an das Video kommen. Denn der Reporter meinte, er koenne uns das wahrscheinlich nicht zu senden. Aber mal sehen!
Es fuehlte sich so an, als wuerden wir uns mit Pauken und Trompeten vom Iran verabschieden und er sich gleichermassen von uns. Wir waren aber froh, endlich wieder ein neues Land beradeln zu koennen, auch wenn dies die bisher groesste koerperliche Herausforderung sein wuerde. 
 
So, nun muesst ihr uns die Daumen druecken, dass wir in fuenft Tagen (so lange ist das Transitvisum nur gueltig) durch die etwa 500 km lange turkmenische Wuetse kommen. Aber wenn es zu knapp wird, weil dort wohl ein starker Gegenwind zu erwarten ist, dann springen wir auf einen LKW oder so auf. Oder nehmen den Bus oder den Zug. Die Bahn laeuft direkt neben der Strasse. Da es die einzige Verbindungsstrasse nach Usbekistan ist, wird es genug Verkehr geben, die einem helfen koennen, wenn etwas ist. Das ist schon mal fuer uns (und vielleicht auch fuer euch) beruhigend.

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