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Georgien (02.06.2009 - 10.06.2009)

veröffentlicht um 19.11.2009, 22:35 von Tobias Pieper   [ aktualisiert: 10.02.2012, 11:26 ]
Die Grenzueberfahrt nach Georgien war schon ein aufregendes Erlebnis. Die LKWs standen bereits kilometerlang vor der Grenze. Als wir dann ankamen, wussten wir warum. Es war alles uebervoll mit Autos, das totale Durcheinander. Ganz viel Fussvolk lief mit riesigen Tueten voller Textilien, kleinen Moebelteilen und was-nicht-allem umher. Im letzten Ort vor der Grenze auf tuerkischer Seite war ein riesiger Markt. Dort fahren also die Georgier hin, um einzukaufen. Wir sind aber verdammt schnell da durch gekommen. Denn wir konnten erst mal mit unseren Raedern an allen Autos vorbei bis ganz nach vorne fahren. Dort bekamen wir auch sofort unseren Ausreisestempel. An der georgischen Seite mussten wir ein wenig warten. Sie prueften unsere Paesse peinlichst genau. Und dann waren wir auch schon durch. Puh, der erste Trubel war geschafft. Die LKW-Fahrer taten uns etwas leid, denn vermutlich sind sie an dem Tag nicht mehr nach Georgien gekommen, so voll wie das war.
 
Empfangen wurden wir dann von Eukalyptusbaeumen. Die Strassenraender waren dort alle mit diesen Baeumen bepflanzt. Das fuehlte sich irgendwie eher australisch als georgisch an. Wir waren gespannt, wie nun die erste Zeltplatzsuche verlaufen wuerde. Wir konnten die Menschen dort auch noch nicht einschaetzen. Aber auf jeden Fall spuerte man sofort die Andersartigkeit zu den Tuerken. Es ist schwer zu beschreiben, aber vielleicht gelingt es mir, im Laufe des Berichtes, klar zu machen, was das Andersein ausmacht. 
 
Wir fanden aber auf Anhieb ein Plaetzchen. Die ersten Frauen, die wir fragten, bemuehten sich, uns zu verstehen und wir bakamen ein Platz direkt am Fluss. Drei Dorfjungs zeigten uns den Weg. Natuerlich war mit englisch nichts zu holen und mit den drei Vokabeln russisch war man schnell am Ende. Aber wie immer half uns unser Buechlein mit den vielen Bildern. Die Jungs waren natuerlich stark interessiert und wir konnten auch somit sofort die fuer uns wichtigen Vokabeln auf georgisch lernen.
Nachdem wir alles aufgebaut und gegessen hatten, wollten sie uns doch noch in ihr Haus einladen. Sie meinten am Ende, hier seien Woelfe und somit waere es sicherer im Haus. Na, damit rueckten sie ja frueh raus. Aber in der Regel haben Woelfe mehr Angst vor uns, als wir vor ihnen. Dennoch bauten wir eine Alarmanlage um unser Zelt, damit wir ruhig schlafen konnten. Wir banden Angelschnur am Zaun fest, unsere Raeder bildeten die gegenueberliegenden Ecken. An der Angelschnur am Zaun hakten wir einen unsere Loeffel fest, der wiederum mit unserem Spanngurt einen Topf verband, der ueber den Zaunpfahl baumelte. Der Topf war beschwert mit Steinen. Wenn nun ein Tier nur leicht die Schnur um uns herum beruehrt, fliegt der Loeffel raus und der Topf mit den Steinen scheppert  nach unten. Das Prizip der Mausefalle. Wir konnten auch ganz gut schlafen. Etwa 2 Stunden. Dann schepperte es und wir sassen senkrecht im Zelt. Ein Wolf? Wir zueckten Pfefferspray und Taschenlampe und sprangen aus dem Zelt. Aber nichts war zu sehen. Die Alarmanlage hat also funktioniert, welch gutes Gefuehl. Aber wie unheimlich andererseits. Mit Sicherheit war es ein streunender Hund, die es zu genuege gibt. Der Rest der Nacht verlief eher unruhig als erholsam.
 
Unser Weg fuehrte uns dann durch die suedlichen Berge von Georgien. Wir erklammen einen Pass von 2025 m. Doch bevor es dazu kam, mussten wir eine weitere Huerde ueberstehen. Diesmal hatte es Tobias gesundheitlich richtig umgehauen. Am zweiten Abend hatte Tobias kraeftig Magenprobleme. Er musste sich uebergeben, dazu quaelten ihn schon mehrer Tage heftige Halsschmerzen. Am naechsten Morgen war Tobias entsprechend schwach. Dort, wo wir waren, konnten wir aber nicht bleiben. Es gab keine Einkaufsmoeglichkeit, um Wasser oder etwas Brot zu bekommen, eben nichts. Bei den Leuten, wo wir zelteten, wollten wir auch nicht bleiben. Der Mann hat uns am Abend vorher im besoffenen Zustand unbedingt ins Haus holen wollen. Natuerlich, nachdem wir bereits alles aufgebaut hatten. Tobais lag bereits recht kaputt im Zelt lag und brauchte Ruhe. Aber das ist schwer zu erklaeren, wenn man nicht eine Sprache spricht. Wir lehnten dankend ab, aber er wurde immer penedranter. Er hat einfach nicht verstanden, dass wir mit unserem Zelt gluecklich sind. Es gibt nichts schlimmeres, als betrunkene Leute, die einem was gutes wollen. Sie werden wie kleine Kinder, die nicht verstehen, wenn man nein sagt. Und das erlebten wir nicht nur einmal. Das ist somit auch ein Punkt, der Georgien klar von der Tuerkei unterscheidet. Der Alkohol! Im Islam gibt es in der Oeffentlickeit keine betrunkenen Leute. Das macht vieles sehr angenehm. Man spuerte eben klar den russischen Einfluss!  
 
Also, wir mussten weiter, wenigstens bis in den naechtsen Ort, wo es etwas Infrastruktur gab. Nach 2,8 km (bergan) kam auch ein Ort. Fuer Tobias ein Hoellentrip. Die 2,8 km waren fuer ihn eine nicht enden wollende Etappe. Aber dort gab es dann erstmal eine Cola! Ein interessierter Georgier kam auch gleich auf uns zu. Wir konnten im Ort unser Zelt erneut aufbauen und Tobias sich wieder hinlegen. Es war ziemlich kribbelig. Tobias hatte am Nachmittag auch etwas Fieber. Aber am Abend ging es ihm besser, er konnte einige Sesamstangen essen. Es ging also bergauf. Man fuehlt sich einfach nicht gut, wenn der andere krank ist. Es geht ziemlich an die Substanz. In dem Moment will man nur nach Hause. Aber wenn man dann wieder etwas nuechterner wird, weiss man, dass man das hinkriegt und wir ja eigentlich weiter wollen. Am Abend wurden wir dann wieder von betrunkenen Maennern belagert. Das war wirklich ein eher negativer beigeschmack, aber wir haben es geschafft damit umzugehen. 
 
Und dann ging unsere Reise auch wieder weiter. Langsam und gemaechlich ueber den 2025 m-Pass rueber. Man hat eben nicht viel Raum, krank zu sein.
Am Abend, auf der anderen Seite des Berges bekamen wir dann wieder eine sehr nette Einladung. Wir wurden sofort ins Haus gebeten, wir bekamen essen und hatten einen sehr amuesanten Abned. Natuerlich gab es Alkohol, was die Stimmung sehr lustig werden lies. Wenn man mittrinkt, dann ist das auch alles kein Problem. Es gab hausgemachten Wein. Nur ist die Trinkkultur des Weins eine andere als bei uns. Hier trinkt man ihn aus kleinen 0,1/0,15 l Glaesern. Man trinkt grundsaetzlich auf etwas oder jemanden. Also erhebt man das Glas, sagt sein Spruechlein und dann geht der Weinh auf ex hinunter. Ich konnte mich da als Frau relativ leicht herausziehen, nachdem ich ein paar Runden mitgetrunken habe. Denn fuer Frauen ist es auch nicht ueblich zu trinken. Das ist Maennersache. Fuer Tobias ging das dann nicht so leicht. Immer wieder war sein Glas gefuellt. Wir hatten aber unglaublich viel Spass und es war niedlich, den betrunkenen Tobias zu erleben.    
 
Unser Weg fuehrte uns dann nach Gori. Die Stadt, die auch von den Russen im letzten Juni angegriffen wurde. Ich hatte ein sehr unwohles Gefuehl, aber es gab keine Alternative. Meine Bedenken waren aber unbegruendet. Von dem Konflikt zwischen Russland und Georgien bzw. Sued-Ossetien ist in dem Land so nichts zu spueren. Wir haben sogar die Ueberreste der zerbombten Bruecke gesehen, die zur Stadt fuehrt. Sie war nur noch einspurig mit Metrallplatten improvisiert. Das zu sehen, wovon man so viel in den Medien gehoert hatte, war sehr interessant, wenn auch mit gemischten Gefuehlen.
 
Wir erreichten dann bald Tiflis, die viel umschwaermte Stadt, die man bloss nicht verpassen sollte. Hm, das konnten wir nicht nachvollziehen. Es war die chaotischste und mit Autos ueberfuellteste Stadt, die wir je erlebt haben. Da war Istanbul angenehmer. Unserem Verstaendnis nach fehlt es der Stadt an jeglicher Struktur. Die beschriebene Altstadt war fuer uns nur schwer ersichtlich. Es war einfach kein Zentrum auszumachen. Ueberall waren hupende Autos, das reinste Chaos. Sowieso sind die Georgier die schlimmsten Autofahrer, die wir bisher erlebt haben. Sie fahren unmoeglich, man musste hoellisch aufpassen. Da war man gut beraten, die schlechten Nebenstrassen zu nehmen, wo kaum Autos fahren. Ein Tag auf der Hauptroute hat uns jeglischen Nerv geraubt. 
 
Landschaftlich hat uns Georgien aber wieder sehr gut gefallen. Eine stark bewaldete Berglandschaft ist fuer unsere Augen einfach unglaublich attraktiv. Noch dazu das Wissen um die Existenz der Woelfe. So beaengstigend es die eine Nacht auch war, so gut tut es eben auch, dass sie ihren Lebensraum haben. Aber das habe ich glaube schon mal geschrieben. Bei unserer Fahrt durch die Berge haben wir viele intakte Doerfer gesehen, die weitestgehend autark leben. Das wirkt fuer uns immer sehr idyllisch und wie eine heile Welt. Aber es verliert auch etwas an Charm, wenn man sich bewusst macht, dass die meisten dieser Menschen keine andere Wahl haben, als in dem Dorf zu leben und alles, was sie fuers leben brauchen, zu produzieren. Es ist eben ein Unterschied, ob man sich bewusst fuer solch ein Leben entscheidet oder dort hineingedraengt wird. Aber wir hatten nicht das Gewfuehl, dass die Menschen unzufrieden sind. Manchmal schien es vielleicht so, wenn man die Maenner auf dem Dorfplatz hat sitzten und Wodka trinken sehen. Das wirkte schon, als wuerden sie Frust und Sorgen herunterspuehlen. Trotz der positiven Bilanz, war Georgien zehrend. Der russische Charakter, die oft zerfallenen Sowjetbauten, die somit auch duestere Stimmung, die vielen privat genutzten russischen Militaerfahrzeuge gingen einfach auf die Psyche. Wir merkten, dass wir bald eine laengere Pause brauchen.
 
In Tiflis sind wir in einer freakigen Herberge untergekommen, wo viele Backpacker und Alternativreisende wohnten. Wir trafen Israelis, die auch in den Aserbaidschan wollten. Sie hatten aber unglaublich Probleme, das Visum zu bekommen. Sie warteten schon fast 2 Wochen und wurden taeglich vom Konsulat auf den naechsten Tag verwiesen, mit der Hoffnung auf ein Ergebnis. Wir hatten das Visum ja bereits von Deutschland aus organisiert und waren froh, den Stempel schon im Pass zu haben. Bis zu dem Punkt, als sie meinten, ein Englaender haette das Visum auch gehabt, sei aber nicht ueber die Grenze gelassen worden. Er kam zurueck nachTiflis. Es hies, sie haetten die Visabestimmungen geaendert. Wir informierten uns beim Auswaertigen Amt, konnten aber fuer uns nichts finden. Wir fuhren also am naechtsen Tag, wie geplant zur Grenze. Natuerlich mit einem sehr gemischten Gefuehl. Wuerden wir in den Aserbaidschan einreisen koennen? Was, wenn nicht? Zurueck nach Tiflis? Bei der Botschaft neu beantragen? Oder Routenaenderung? Aber wie? Armenien? Tausend Fragen ohne Antworten! Wir mussten es auf uns zukommen lassen.

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