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China Teil 3 (18.10.2009 - 02.11.2009)

veröffentlicht um 19.11.2009, 23:09 von Tobias Pieper   [ aktualisiert: 10.02.2012, 11:32 ]
Unsere Visumverlaengerung in Songpan (Provinz Sichuan) ist erfolgreich ueber die Buehne gegangen. Wir haben tatsaechlich noch einmal 30 Tage bekommen. Allerdings haben wir da wohl richtig Glueck gehabt. Denn wenn wir den Polizeibeamten, der etwas englisch konnte, richtig verstanden haben, war er der Annahme, dass wir zum ersten mal verlaengern. Er meinte naemlich, es ginge nur einmal und deshalb muessten wir China nun am 18.11. verlassen. Wir haben uns natuerlich ganz ruhig verhalten. Bloss keine schlafenden Hunde wecken. 
 
Wir setzten unsere Reise durch Sichuan fort:
Unser naechstes Etappenziel sollte Chengdu sein. Die Metroploe und Hauptstadt von Sichuan. Wir glaubten natuerlich, dass es nur noch bergab gehen wird, denn den hoechsten Punkt hatten wir schon laengst hinter uns gelassen. Dem war nicht ganz so, denn Landschaften bestehen natuerlich nicht aus Rampen. Die Fahrt war auch sonst nicht sehr angenehm. Die Strasse war eine reine Baustelle. Sie war stellenweise aufgerissen, teilweise einspurig und voller Dreck. Das bedeutet, wir wurden von den rasenden LKWs aus der Bahn gehupt und eingestaubt. Wir fanden uns immer wieder in einer riesigen Staubwolke wieder. Es war aetzend. Zu der Strassenbaustelle kamen noch ganze Dorfbaustellen hinzu. Am 12. Mai 2008 gab es um die Stadt Wenchuan ein gewaltiges Erdbeben mit tausenden von Toten. Ganze Bruecken waren weggerissen und Erd- bzw. Felsrutsche haben Strassen und Haeuser begraben.
Der Verkehr wurde immer schlimmer. Hinzu kamen Tunnel von bis zu 2 km Laenge. An sich kein grosses Ding, aber wenn sie vollkommen unbeleuchtet sind, die chinesischen Verkehrsteilnehmer den Fuss kein Stueck vom Gas nehmen und genauso hindurch rasen, wie sie es auf der Strasse tun und dazu noch Hupen (im Tunnel!!!), dann fehlt nicht viel, bis man selber voellig abdreht und wahnsinnig wird. Es ist echt so: Die Chinesen kennen keinen Spiegel und keine Bremse. Es wird immer nur draufgehalten. Das war in der Wueste bei weitem nicht so!
Wir naeherten uns der Metropole und mussten auch hier den starken Verkehr ueberstehen. Wir kamen auch an einem Unfall mit wohl einem Verkehrstoten vorbei. Tobias hat jemanden abgedeckt auf der Strasse liegen sehen, sonst haben wir einen Bogen drum herum gemacht. Aber es ist eben so, dass die Chinesen keinen Respekt vor dem Verkehr haben. Ob Autofahrer oder Fussgaenger, jeder fuehlt sich als Herr der Strasse und meint, nicht Acht geben zu muessen. Und so wird man dann eben ueberfahren. Wir haben auch generell einige Blechschaeden gesehen und da habe wir nun wirklich kein Mitleid mehr. Wenn man in einer Kurve ueberholen muss, dann bleibt das eben nicht aus.
Wir sind mit unsere Warnweste und besonders mit Umsicht gefahren und heile in der Stadt angekommen. Dort sind wir zum Arzt. Wir haben eine Praxis mit australischem Arzt ausfindig machen koennen, denn wir brauchten noch eine Impfung gegen japanische Encephalitis, eine von Muecken uebertagene Krankheit, die im schlimmsten Fall toedlich endet. Ebenso haben wir uns Malariaprophylaxe besorgt und sind nun voll auf Droge. Es war schon ein Erlebnis, sich von chinesischen Arzthelferinne impfen zu lassen und mit einem Arzt auf englisch zu sprechen. Es ist echt verrueckt, wie gut es ging. Ja, wie genial ist englisch!!! Naturlich waren wir anfangs skeptisch, ob wir die Impfung wirklich brauchen, ob der Impfstoff ok ist, wie die Hygienebedingungen sein werden und und und. Aber diese Praxis stand den unseren in nichts nach. Der Arzt hatte super viel Zeit fuer uns. Wir sind richtig ins Plaudern bekommen und am Ende lud er uns nach Australien bzw. Tasmanien ein. Naechstes Jahr im September ist er wieder dort, wir sollen uns melden, er haette ein grosses Haus. Also, kann man da denn nein sagen? Steuern wir also auf Australien zu? Gucken wir mal!
 
Wie ist das eigentlich hier mit dem Essen. Ich hatte mich ja in Zentral-Asien eher beklagt, dass das Essen nicht so gut ist. Das ist in China ganz anders. Es gibt viel frisches Gemuese und Obst. Und die Zubereitung ist einfach sehr lecker. Es gibt hier eine Reis-Nudel-Grenze. Im Norden findet der Weizenanbau statt und wir haben nur Nudeln gegessen. In den Lokalen gab es immer handgezogene frisch zubereitete Nudeln. Es war sehr lecker. Nun haben wir die Grenze ueberschritten und es wird nur noch Reis angebaut. Wir essen also nur noch Reis. Die Gemuesebeilagen sind einfach der Hammer. Bisher haben wir noch nichts ekeliges zu Gesicht bekommen. Aber das wird wohl noch kommen. Die Insekten und Spinnen sind schon merklich groesser gewoden, soweit suedlich sind wir schon. Bald lohnt es sich, die zu essen. Uuuuhhh!
Man sagt ja auch, dass die Chinesen Hunde essen. Gerne haette ich es fuer ein Geruecht gehalten, aber diese Illusion kann nicht mehr bestehen bleiben. Wir wurden Zeuge von Hundeschlachtung: An der Strasse waren am Unterkiefer aufgehaengte, abgezogene Hunde zu sehen. Andere Hunde sassen drum herum. Man hoerte ploetzlich ein Aufjaulen, ein Quitschen. Uns schon kam ein Mann mit einem Hund um die Ecke, der aus der Nase blutete und geschwollene Augen hatte. Und schon bekam er das Messer in die Kehle gesteckt, um auszubluten.
Entschuldigt, diese Erlaeuterungen, aber irgendwie muss es sein.
Aber was ist daran eigentlich so schlimm? Ein Schwein schlachtet man ganz aehnlich und da regt sich keiner drueber auf.
Es ist einfach unsere Sozialisierung! Wenn wir Schweine an der Leine spazieren fuehren wuerden und Hunde im Stall haetten, dann waere es ganz normal. Fuer uns haben Hunde aber Persoenlichkeit und darum koennen wir es nicht ab, wenn man sie als Schlachtvieh behandelt.
Nichts desto trotz ist es einfach schrecklich, wenn man dem Hund mehrmals auf den Kopf schlaegt, um ihn zu betaeuben. Da ist der Bolzenschuss beim Schwein doch die bessere Methode. Der Umgang mit den Tieren ist hier generell eher schrecklich. Muss ich denn ein lebendes Schaf auf ein Moped binden und unter ihm ein noch blutiges abgezogenes Fell legen? Muss ich lebende Enten an den Fuessen zusammenbinden, um sie ueber das Mofa zu haengen? Muss ich Rinder im Beisein von seinen noch lebenden Kollegen schlachten? 
Ueber die Notwendigkeit des Fleischkonsums laesst sich streiten. Aber unabhaengig davon hat jedes Tier einen wuerdigen Umgang verdient.
 
Die Chinesen scheinen hier weiter im Sueden etwas redseliger zu werden. Wir werden nicht mehr nur angeguckt, sondern sie fangen auch an, mit uns zu reden. Jedoch reden sie so sehr auf uns ein und wollen gar nicht verstehen, dass wir sie nicht verstehen. Tobias hat nun angefangen, dann auch auf deutsch Geschichten zu erzaehlen. Letztens erzaehlte er das Maerchen von Haensel und Gretel. Das beirrte sie aber gar nicht, sondern sie plauderten weiter. Mittlerweile sprechen sie hier auch so sehr dialekt, dass sie unsere wenigen muehsam erlernten chinesischen Vokabeln nicht mehr verstehen. Es geht dann irgendwann nur ein gegenseitiges "Ting bo dong" (verstehe nicht) hin und her. Auch unser tolles "Ohne-Woerter-Buch" mit Bildern scheint an Grenzen zu stossen. Die Menschen erkennen meist die Bilder nicht. Ein Zelt scheint unbekannt.
Aber die Besiedlung ist nun auch so dicht geworden, dass das Zelten fast nicht mehr geht. Denn steht mal kein Haus, dann ist alles voll mit unter Wasser stehenden Reisfeldern oder sonstigen Anbauflaechen. Gaerten mit Gruenflaeche gibt es nicht! Und sowieso ist das mit den Muecken auch nicht mehr so lustig. Auch wenn wir eine Malariaprophylaxe nehmen, lange Klamotten ueberziehen oder eben uns mit Anti-Muecken-Spray eindieseln, sie erwischen einen dennoch. Auch die hohe Luftfeuchtigkeit macht das zelten wieder unangenehmer. Man schwitzt zu viel. Es erinnerte uns sehr an den Iran. Wir werden nun staerker in Unterkuenfte gehen.  
 
Provinz Guizhou:
Wir haben also mittlerweile schon die naechste Provinz erreicht. Die Vegetation wird recht subtropisch. Es wachsen Palmen, Farne, Bananenstauden und ueberall wuchert nur das Gruen. Ach ja, neben Siedlung und Anbauflaechen gibt es dann noch urwaldartige Parzellen oder gewaltige Berghaenge, die nur so gruenen. Die Landschaft ist nun sehr kleinraeumig, vielfaeltig und huegelig bis bergig. Eine Woche sind wir nun taeglich bergauf und bergab geradelt und es scheint kein Ende in Sicht. Sind wir mal wieder oben und haben etwas Sicht, so sehen wir eine zerklueftete Landschaft und wir haben keine Ahnung, in welchem Tal die Strasse weiterfuehrt. Wir sind solche Huegelfahrten gar nicht mehr gewohnt und brauchen nun nach 7 Fahrtagen auch echt eine Pause. Die Beine sind ganz gut muede.
 
Beinahe haette uns die Polizei um unseren geplanten Pausetag gebracht. Etwa 20 km vor der Stadt Xishui kamen wir an einer Polizeikontrolle vorbei. Tobias wollte schon gar nicht anhalten, weil er glaubte, sie labern uns wieder nur aus Neugier an. Wir hatten etwas Zeitdruck, denn es war schon nach 16.00 Uhr, um 18.30 Uhr wird es dunkel, es waren noch ca. 20 km und das bergan, mit einem Schnitt von 6-7 km/h. Er fuhr also weiter, bis ein Polizeibeamter hinter ihn herrannte, um ihn zu stoppen. Es war also ernst. Keine reine Neugier. Sie wollten unsere Paesse sehen. Gluecklicherweise stehen auf dem neuen Visum alle Passdaten noch einmal, so dass auch die Chinesen verstehen, welches der Name ist und was das Geburtsdatum. Sie notierten alles in einem Notizbuechlein und meinten wir muessten etwas warten. Einer konnte ganz wenige Brocken englisch. Irgendwann wurde telefoniert und sie wollten wissen, wo wir hinfahren. Wir sagten den Namen der Stadt und schon fingen sie an, etwas mit "Hotelsuche behilflichsein" zu reden. Wir versuchten klar zu machen, dass wir schon ein Hotel finden wuerden und lehnten dankend ab. Zunaechst waren wir noch recht geduldig. Aber schnell waren 15 min. rum und wir wussten nicht, was sie checken, worauf wir warten. Man stelle sich das Bild so vor: Wir stehen da, ein Beamter bringt uns ein Glas heisses Wasser (fuer ein paar Teeblaetter hat es wohl nicht mehr gereicht), der, der etwas englisch kann, bricht sich einen ab, uns irgend etwas mitzuteilen, einer spielt am Handy, fuenf weitere stehen herum.
Endlich riefen sie jemanden an, der englisch kann und so bekamen wir die Nachricht, mit unserem Pass sei ein Problem, es wuerde gecheckt, wir sollten warten. Wir erklaerten unsere Situation von wegen Fahrrad, dunkel, Stadt erreichen muessen..... Ja, kein Problem, die Beamten wuerden uns mit dem Auto hinfahren... Oh, nein!!! Das geht ja natuerlich gar nicht. Wieder versuchten wir unsere Situation zu erklaeren: Von Deutschland alles mit dem Rad, Auto geht nicht... Schien wohl recht absurd, aber wir waren stur, Auto geht nicht! Also warten und auf der Polizeistation uebernachten? Das wuerden sie nicht erlauben, so pingelig wie sie schienen.
Unser Vorschlag: wir fahren weiter, rufen die Polizei an, wenn wir im Hotel sind und am naechsten Morgen koennen sie in der Stadt alles checken, was sie wollen. Wir wissen ja, dass mit unserem Visum alles ok ist. Also, es gab fuer uns kein Grund zur Besorgnis.
Es waren mittlerweile 30 Minuten vergangen.
Dann kam der Vorschlag der Polizei, wir fahren mit dem Rad und 2 Beamte laufen neben uns bis in die Stadt. Sie behaupteten auch noch, dass es 30 km seien. Wir konnten uns das Lachen ja fast nicht verkneifen. Die Absurditaet dieses Vorschlags war schnell erklaert: Zu Fuss 5 km/h, bei 30 km macht das 6 Stunden, es war 17.00 Uhr, das heisst 23.00 Uhr nachts in der Stadt! Und dann?
Es vergingen noch mal 15 Minuten und dann tauchte ein Auto auf. Wir bekamen das Zeichen, fahren zu duerfen, 2 Polizisten sprangen hinten auf den Pickup und fuhren hinter uns her. Sollten wir nun in die Stadt eskortiert werden?  Wir waren so sauer und konnten zugleich nur ueber diese Situation lachen. Ploetzlich ueberholten sie uns und waren weg. Wir fuhren weiter. An einem Huas standen dann die beiden Polizisten, der Wagen war weg. Wir hielten an, sie gaben uns den Namen des Hotels, welches sie nun wohl fuer uns reserviert haben, entschuldigten sich und liefen zu Fuss zurueck. Wir standen mit einem grossen Fragezeichen im Gesicht da. Was war das nun? Wo war das Problem? Warum mussten wir eine dreiviertel Stunde herumstehen?
Wir wissen es nicht. Vermutlich war denen nur wichtig zu wissen, wo wir absteigen und mussten Zeit gewinnen und erzaehlten uns Maerchen. So schien es nun fuer uns.
Wir kamen um 19.30 in der Dunkelheit in der Stadt an. Steuerten das erst beste Hotel an und blieben dort. Das uns genannte war uns so schnuppe. Vermutlich ist es das teuerste der Stadt gewesen.
Wir bezogen das Zimmer, wollten gerade unser Moskitonetz aufhaengen, klopfte es und die Polizei stand da. Nein, nicht schon wieder! Sind wir wieder in einem Hotel, welches uns nicht aufnehmen darf und uns nichts davon sagt? Oder ist das nun der Polizeioberguru und will uns nun festnehmen?
Wir zeigten brav unsere Paesse. Der Polizist blaetterte im Pass, wir ergaenzten unsere Nationalitaet und dann blickte er nur fragend auf unsere Radtaschen. Wir zeigten auf die Raeder und dies ist unser Gepaeck. Dann meinte er, es sei ok, zu bleiben.
Und was war das nun wieder? Also, entschuldigt, aber die Polizisten wirken hier wirklich etwas laecherlich.
Der fragende Blick auf das Gepaeck lies vermuten, dass Chinesen ohne Tasche verreisen. Selbst eine Zahnbuerste brachen sie nicht einzupacken, denn die gibt es im Hotel gratis dazu! 
Hoffen wir mal, dass wir die 2. Nacht auch noch in Ruhe hier verbringen duerfen!

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