Reiseberichte‎ > ‎

China Teil 2 (21.09.2009 - 18.10.2009)

veröffentlicht um 19.11.2009, 23:07 von Tobias Pieper   [ aktualisiert: 10.02.2012, 11:32 ]
Wer bereits auf die Standortkarte (google-maps) gesehen hat, der wundert sich sicherlich, warum das gruene Fahrrad so weit suedlich in China zu finden ist. Das Ziel ist doch Peking? Also, warum steht das Fahrrad dann nicht auf der Zielgeraden vor Peking? Die Antwort ist ganz einfach: Es ist eine Reise zum Horizont! Wir haben uns entschlossen die Welt mit dem Rad noch weiter zu erkunden. Und so haben wir den Kurs geaendert und Peking vorerst herausgeworfen. Wohin die Reise gehen wird, wann sie ihr Ziel erreicht hat, das wissen wir auch nicht.
 
Provinz Gansu:
In Dunhuang sind wir wohl das erste Mal auf der Tour so richtig kulturell, im Sinne von eintrittspflichtigen Besichtigungsstaetten, taetig geworden und haben uns die Mogao Hoehlen bzw. Grotten angesehen. Es war eine nette Sache, aber im Grunde sind solche musealen, noch dazu fuehrungspflichtigen Besichtigungen nichts fuer uns. Das Herumschleichen und -stehen verursacht da nur Rueckenschmerzen und das mit Jahreszahlen bombadiert werden fuehrt bald dazu, dass man auf Durchzug stellt. Nichts desto trotz waren es beeindruckende Grotten, die wir aber beim Alleinrundgang noch mehr haetten geniessen koennen. War aber ja leider nicht moeglich. Als wir feststellten, dass wir beide unglaubliche Rueckenschmerzen hatten, mussten wir nur lachen. Ja, wir bauen wohl kraeftig Rueckenmuskulatur ab. Das Radfahren ist auf die Dauer doch recht einseitig. Ich hatte dann noch Knieschmerzen beim Treppenlaufen und so scherzten wir herum, dass wir uns wohl bei der Heimkehr erst mal in die Reha-Klinik einliefern muessen oder besser gleich in Rente gehen sollten.    
 
Beim Weiterradeln wurde die Wueste allmaehlich weniger und wir erfreuten uns ueber landwirtschaftliche Flaechen. Wir sahen Blumenfelder, Tomaten- und Chili-Anbauflaechen und in Huelle und Fuelle Maisaecker. Es ist schon erstaunlich, wie sich die Perspektive aendert, wenn man so lange durch Wuestenlandschaft gefahren ist. Ich habe mich wohl noch nie so ueber Maisaecker gefreut. Und ueberhaupt ist uns so stark bewusst geworden, wie vielfaeltig doch Europa und auch Deutschland ist. Was fuer ein Segen es ist, in den gemaessigten Breiten zu leben. Dort waechst und gedeiht alles, ohne dass man bewaessern muss. In der Wuestenregion gibt es Oasen, wo alles gruent und blueht, aber eben nur weil alles bewaessert wird. 
Die Kleinraeumigkeit von Wald, Feld, Fluss, Bergen, Offenlandschaft in Deutschland stellt nun wieder eine ganz besondere Qualitaet dar. Wir sind selber ueberrascht, wie viel Wueste und unfruchtbares Land es doch auf der Welt gibt. 
 
Unsere naechste kulturelle Station machten wir an der Chinesischen Mauer, The Great Wall! In Jiayuguan steht der westlichste Teil der Mauer, der gut erhalten ist und gepflegt wird. Hier konnten wir alleine herumspazieren, sehr schoen! Es ist schon beeindruckend, wenn man realisiert, dass diese Mauer einmal die Grenze Chinas war und der Bau mehrere Generationen bzw. Dynastien gedauert hat. Die Mauer fuehrte auf einen Bergkamm herauf, den wir somit bestiegen. Von dort hatten wir eine wahnsinnige Aussicht ueber die hinter uns liegende Wueste. Wueste von oben ist dann doch ueberwaeltigend.
 
Und nur wenige Radtage spaeter befanden wir uns schon wieder in einer eintrittspflichtigen Besichtigungsstaette. Mensch, was ist los mit uns? Werden wir doch noch Kultur- und Geschichtsbegeisterte? Nein, es ist einfach so, dass China unglaublich viel zu bieten hat, was man einfach gesehen haben muss. Wir schauten uns den groessten liegenden Buddha (35 m) in Zhangye an. Die Architektur, die Tempelanlagen, die Stupas und Pagoden des Buddhismus sind einfach wunderschoen anzusehen. Das fuehlt sich nun richtig wie China an.
 
Allmaehlich wurde es Herbst! Die Kraniche zogen Richtung Sued-West und die Baeume oder eher die Pappeln (sehr viel mehr hatten wir bis dahin noch nicht zu Gesicht bekommen) faerbten ihre Blaetter gelb und fielen vom Baum. Da wurde es uns bewusst, wie lange wir schon unterwegs sind! Als wir losfuhren, hatten die Baeume noch kein Laub und nun fiel es wieder ab. Wir hatten mit einigen Regentagen zu kaempfen. Das Fahren in kurzer Hose und T-shirt war ploetzlich vorbei. Abends im Zelt zogen wir uns wieder unsere Wollunterwaesche an. Die war natuerlich ganz unten in der Tasche vergraben. Wer haette gedacht, dass wir sie so schnell brauchen wuerden. Aber es war ja nun auch schon Oktober. 
Wir hatten uns entschlossen, unsere Route ueber die oestlichen Auslaeufer des Himalaya verlaufen zu lassen. Wir wollten also ueber das tibetische Hochplateau fahren, da es empfohlen wird, wenn man nicht direkt nach Tibet reist/reisen kann. Da es also auf ueber 3000 m hoch gehen wuerde, war uns klar, dass wir unsere Ausruestung modifizieren muessen. Wir besorgten uns also Daunenjacken und eine Fleecedecke, um die Schlafsaecke so vor dem naechtilichen Kondenswasser etwas zu schuetzen. 
Die ersten Tage, die wir bergan kletterten waren durch den nicht enden wollenden Regen recht anspruchsvoll. Es war aber noch nicht ganz so kalt, so dass es ertragbar war. Dennoch wirkte alles recht depressiv. Unsere erste Station machten wir dann in Xiahe. Dort besichtigten wir das Labrang Kloster. Ein tibetisches Kloster, welches heute wieder von 1200 Moenchen bewohnt wird. Es war eine tolle Atmosphaere und wir hatten wirklich den Eindruck in Tibet zu sein. Moenche und andere Buddhisten sind um die Klostermauern gepilgert und haben die unzaehligen Gebetstrommeln gedreht, die dicht an dicht an der Mauer befestigt sind. Alles ist so wunderschoen bunt bemalt und mit aufwaendigen schnitzereien verziehrt. Obwohl der Ort auch sehr touristisch gepraegt ist, konnte man doch ein authentisches Kloster erleben. 
Xiahe verliesen wir dann im Schneeregen. Und zwei Tage spaeter wachten wir eingeschneit auf. Der Winter hatte begonnen. Nachts hatten wir nun -4 Grad. Aber Dank unserer zusaetzlichen Ausruestung brauchten wir nicht frieren. Morgens war nur alles nass im Zelt und der Himmel wolkenverhangen. Wo war die Sonne? Es hiess doch, dass der Herbst die beste Reisezeit fuer diese Region sei, weil es dann trockene sonnige Tage gibt!
Wir mussten also den Schlafsack auf den Beinen trocknen und das Zelt mittags wieder ausbreiten. Gluecklicherweise haben wir bereits Erfahrung mit zelten im Winter bei Schnee und Frost. Es war wieder eine Herausforderung, die uns Spass gemacht hat. Campen im Winter ist einfach eine ganz andere Nummer!
Wir fuhren durch tibetische Doerfer, China war irgendwie weit weg und verliesen die Provinz Gansu. 
 
Provinz Sichuan:
Bald hatten wir den Wendepunkt erreicht (3840 m!) und kaempften wieder gut mit der Puste. Wir beide sind noch nie so hoch in unserem bisherigen Leben gewesen!    
Es ging also wieder bergab und nun sind wir auf dem Weg ins Warme. Momentan sind wir zwar noch auf ueber 3000 m in Songpan, wo wir am Montag (19.10.) wieder auf eine Visumverlaengerung hoffen, aber das subtropische Klima in Chengdu rueckt naeher.  
Wir sind sehr froh, den Herbst und auch den Winter erlebt zu haben. So freuen wir uns wieder auf die Waerme und koennen die Hitze wieder besser ertragen, weil wir wissen, wie kalt es auch sein kann.
 
Bisher ist China sehr vielfaeltig. Zu Beginn war es eher uighurisch bzw. zentralasiatisch gepraegt (Provinz Xinjiang), in Gansu erlebten wir China und nun ist es eher tibetisch (Teil Gansu uns Teil Sichuan). So bleibt dieses riesige Land mit einem Durchmesser von 5000 km spannend und zeigt sich immer wieder von einer neuen Seite. Ein negativer Beigeschmack bleibt jedoch. Ob in der Provinz Xinjiang oder hier im tibetischen Teil Chinas, sieht man und spuert man, wie sehr China sich in diese Regionen draengt. Es werden ganze Doerfer gebaut, um Chinesen dort anzusiedeln und die uighurische und tibetische Kultur zu ueberdecken.
 
Im allgemeinen sind die Chinesen bisher aber sehr freundlich. Sie haben immer ein laecheln im Gesicht und kommen, wenn man irgendwo herumsteht. Jedoch unterscheiden sie sich sehr, von den Menschen der anderen Laender. Sie sind neugierig, gucken und fassen alles an, aber sie fragen nicht, wo man her kommt, wo man hin will usw. Sie sind eher zurueckhaltend. Manchmal ist es unangenehm, dass man so beguckt wird, aber nicht mal mit einem "Hallo" wahrgenommen wird. Somit bleibt es bei uns, die Leute mit einem Hallo auf chinesisch zu begruessen, um sich nicht ignoriert zu fuehlen. Andere Laender andere Sitten, genau das ist das spannende.

Comments