Reiseberichte‎ > ‎

China Teil 1 (24.08.2009 - 21.09.2009)

veröffentlicht um 19.11.2009, 23:00 von Tobias Pieper   [ aktualisiert: 10.02.2012, 11:31 ]
Der Weg zur chinesischen Grenze war beschwerlich. Die Strasse war extrem schlecht, man kam nur schwerfaellig voran. Sie wurde neu gemacht und bestand aus einer einzigen Baustelle. Zum Glueck konnten wir sehr oft auf den alten Weg ausweichen. Er fuehrte ueber das Grasland. Es war sehr huegelig und ging wie in einer Achterbahn hoch und runter. Wir bekamen das erste Mal Lust, mit einem Mountain-bike richtige Pisten zu fahren. Das waren dann die angenehmen Abschnitte des Weges. Die Kirgisen hatten dann 6 Passkontrollen. Wir fragten uns, ob sich die Beamten untereinander nicht trauen, oder warum muessen 6 verschiedene Leute kontrollieren, ob man den Ausreisestempel bekommen hat. An der chinesischen Grenze trafen wir dann auf Annemieke aus Holland. Sie ist alleine mit dem Rad von Kasachstan nach Indien unterwegs. Da ziehe ich als Frau auch nur den Hut. Alleinreisende Maenner trifft man doch haeufiger, aber sie ist die erste Frau, die wir trafen. Wir fuhren gemeinsam bis Kashgar, der ersten Stadt in China. Vor der Stadt trafen wir dann noch auf die ersten deutschen Radler - Klaus und Joern aus Muenster. Sie wollen nach Vladiwostok und dann mit der Transibirischen Eisenbahn zurueck in die Heimat. Wir hatten alle gemeinsam ein paar lustige Tage in Kashgar, bis sich dann unsere Wege wieder trennten. Die Jungs nahmen den Zug durch die Wueste und wir begannen den Ritt hindurch.   
 
Provinz Xinjiang: 
Wie soll man diesen Monat nun beschreiben. Einerseits kann man sagen, dass es wie ein einzig langer Tag wirkt. Wir bekamen so unseren Rhythmus. Morgens zeitig los, mittags meistens einen leckeren Nudelteller, abends nach gut 100 km erschoepft einschlafen, aber morgnes wieder fit sein. Wenn wir mittags wieder vor unseren Nudeln sassen, wussten wir manchmal nicht, ob es wirklich schon ein neuer Tag war. Es war einfach landcshaftlich sehr monoton. Eine Wuestenlandschaft, die aber weniger wie eine reine Sandwueste schien, als mehr eine Steinwueste war. Links von uns zog sich eine nicht endende Bergkette entlang und rechts blickten wir in eine ewige Weite. Es war oft sehr beeindruckend, aber eben monoton.
 
Aber ganz so langweilig und ereignislos war der Monat dann doch nicht. Es gibt da so ein paar erwaehnenswerte Geschichten. Also, wir erlebten auf jeden Fall richtig Wueste, obwohl wir uns bereits ausserhalb der definierten Grenze der Taklamkan befanden. Oft verbrachten wir die Naechte unter freiem Himmel. Das Zelt blieb eingepackt und wir konnten unglaublich tolle klare Sternenhimmel bewundern. Es ist wiklich faszinierend, wie viel Sterne es gibt, die wir so durch die Lichtverschmutzung gar nicht sehen koennen. Ich habe die Milchstrasse auch noch nie so deutlich erkannt. Aber neben solchen schoenen Seiten der Wuste, gibt es auch die nicht so angenehmen. Ziemlich zu Beginn erlebten wir einen Sandsturm, der natuerlich fuer uns als Gegenwind auftrat. Wir wurden verdammt stark zurueckgebremst und die Luft war voll mit Staub. Es sah aus, als waere es ein richtiger Regentag, aber es waren keine Wolken am Himmel, sondern der Sand bzw. Staub vernebelte alles. Wir wuchsen seit dem zu einem richtigen Team zusammen. Wir begannen uns abwechselnd Windschatten zu geben. Jeder musste 15 Minuten in den Wind und der andere klemmte sich so dicht wie moeglich dahinter und hatte etwas Erholung. So kamen wir gut durch den starken Wind und setzten diese Art des Fahrens taeglich fort. Man zieht sich so unglaublich gut, wenn jeder abwechselnd vorne faehrt. Wir sind fast immer ueber 100 km gefahren, was wir vorher so nicht hatten. Aber es gab eben auch nichts, was uns da haette langsamer fahren lassen. Wir hatten ca. 2000 km Wueste vor uns, die einfach nur weggeradelt werden wollten. 
 
Die Hotelaufenthalte und Pausetage waren schon eine gute Erholung und wir tankten auf. Da wir keine Internetbesuche machen brauchten, konnten wir wirklich mal so richtig abhaengen. Es war echt wie Urlaub. Der Standard der Hotels ist sehr hoch, die Zimmer sind sauber und freundlich und das fuer 10-15 Euro pro Nacht. Es ist hier echt viel guenstiger. Besonders das Essen. Wir gehen oft essen, denn fuer Nudeln satt zahlen wir 2-2,5 Euro zusammen. Das macht Spass.
Damit Hotels auslaendische Touristen aufnehmen duerfen, brauchen sie eine Genehmigung. Und vermutlich landeten wir in einer Stadt in einem solchen Hotel, welches keine hatte und uns dennoch aufnahm. Ich ging einkaufen und als ich zurueckkam, sah ich Tobias nur noch im Handtuch gehuellt, die Rezeptionsdame und zwei Polizisten mit unseren Paessen im Zimmer stehen. Was war denn jetzt los?Natuerlich konnten sie kein englisch und wir hatten keine Ahnung, was das Problem war. Ein Polizist rief dann einen Kollegen an, der englisch sprach und so hiess es, wir sollten den Polizisten in ein anderes Hotel folgen. Wir haetten uns vorher bei ihnen melden muessen, damit sie uns ein Hotel zuweisen. Das wussten wir natuerlich nicht. Wir konnten dem Polizisten aber klar machen, dass wir fertig fuer die Dusche sind, Tobias seine Klamotten bereits gewaschen hatte, wir davon nichts wussten und beim naechsten Mal natuerlich erst zur Polizei gehen wuerden. Warum auch immer, durften wir dann tatsaechlich dort bleiben. Als ich dann unter der Dusche stand, kamen sie nochmal, um unsere Passdaten aufzunehmen. Dies war aber ein echtes Problem, weil sie nicht die lateinischen Buchstaben kannten, wir natuerlich auch nicht die Schriftzeichen. Es dauerte ewig, bis klar war, was der Vor- und was der Nachname war. Dann steht im Pass auf allen europaeischen Sprachen Deutschland, aber nicht in Schriftzeichen. Es war also auch noch ein Problem, klar zu machen, aus welchem Land wir kommen. Gott sei Dank wissen wir, was Deutschland auf chinesisch heisst, aber es dauert immer, bis sie verstehen, was wir sagen. Chinesisch ist so schwer. Und dann haben wir oft den Eindruck, dass sie Deutschland verstehen, aber nichts mit anfangen koennen. Also nicht wissen, wo es liegt. Es ist ja nun auch verdammt weit weg. Ueber 11.000 km sind es nun. Nach einer Weile war dann alles ausgefuellt und wir hatten unsere Ruhe. Aber diese Ruhe hielt nicht lange an. Wir lagen im Bett, da klopfte es wieder. Nochmal zwei Polizisten. Diesmal andere. Sie wollten auch unsere Paesse sehen. Und es war wieder das Problem die Nationalitaet klar zu machen. Da das usbekische Visum neben Zentralasiaten zusammen und wenn sie meinen, wir saehen aus wie Usbeken, dann verstehe ich die Welt nicht mehr. 
 
In dieser Provinz leben zwei Parallelgesellschaften. Die Staedte sind dominiert von Chinesen, aber die Randgebiete und der laendliche Raum "gehoert" den Uighuren. Ein zentralasiatischer Volksstamm, der auch muslimisch ist. Zwischen diesen beiden Partein gab es in der Vergangenheit mehrfach und zuletzt vor etw 2 Monaten gewaltsame Auseinanderetzungen. China okkupiert diese Provinz und es ist offiziell China. Aber die Uighuren wollen eben auch unabhaengig sein. Die Schliessung des Internets in der Provinz ist eben neben der Militaerpraesenz in den Staedten eine Variante, die Region zu kontrollieren. Deshalbn ist es offiziell auch nicht erlaubt, individuell in Xinjiang zu reisen. Ist man aber drin, interessiert es keinen mehr. Nicht mal an der Grenze wurden die Raeder zum Problem.
Dies war also ein sehr unangenehmes Erlebnis mit der Polizei.
 
Nach dem Sandsturm zu Beginn, verlief die weitere Fahrt wettertechnisch echt human. Oft Gegenwind, der aber ertraeglich war, Seitenwind und auch mal Rueckenwind. Doch am Ende, die letzten Tage vor der Provinzgrenze zeigte sich die Wueste noch mal von ihrer heftigsten Seite. Aus normalerweise einem lockeren 100 km Tag, wurden 2 Hoellentage. Wir erlebten einen richtigen Wuestenstrum, der uns auf 6 km/h runterbremste. Teilweise wurde er so stark, dass es leichter war, die Raeder zu schieben. Es war so unendlich hart, den ganzen Tag solch ein Strum, der uns physisch aber noch mehr psychisch fertig machte. Wir waren nicht weit entfernt davon, uns mitnehmen zu lassen, zu kapitulieren. Wenn wir die Raeder anlehnten, wurden sie zurueckgerollt. Sie bleiben gar nicht stehen. Wir waren nervlig so am Ende. Wir hofften, dass es sich aendert, wenn die Sonne untergeht. Es zogen sogar Wolken auf und wir hofften so auf eine Wetteraenderung, aber nichts geschah. Wir fanden ein einigermassen geschuetztes Plaetzchen fuer das Zelt. Aber als wir aufwachten und weiterfuhren, war es noch immer der gleiche unveraendert starke Wind. Auch der Temperatursturz in der Nacht hat nichts geaendert. Die naechste Nacht hatten wir sogar -1,4Grad. Wir bekamen nun innerlich Stress mit dem Visum. Wir mussten in 2 Tagen in dem Ort sein, von wo aus ein Bus in die naechste Stadt fuhr, um die Visa zu verlaengern. Wir hatten einen Tag Reserve, aber dennoch stresste es total. Wir wollten aber keinen LKW anhalten, weil ja dann die Tour unterbrochen wuerde. Wir kaempften uns also zunaechst weiter. Ich war aber kurz vor der Kapitulation, wenn Tobias nicht die Faust geballt haette, um zu rufen, "wir schaffen das!", haette ich an dieser Stelle aufgegeben. Wir wussten, wir wuerden bald die Huegel erreicht, wodurch der Wind vielleicht abgebremst wuerde. Und so kam es auch. Wir kaempften bis zuletzt und besiegten den Sturm. Mittags hatten wir windstille und konnten wieder gut fahren. Aber es waren definitiv die haertesten 2 Tage auf der ganzen Tour.
 
Provinz Gansu:
Wir erreichten unseren Ort rechtzeitig. Und nun sind wir auf einem Ausflug. Die Visaverlaengerung verbinden wir mit der Besichtigung der Stadt Dunhuang und den legendaeren Mogao Hoehlen. Hier lassen sich wohl tolle, uralte Hoehlenmalereien bewundern. Morgen werden wir dort hinfahren. Hierher nach Dunhuang haben wir uns von einem kleinen LKW mitnehmen lassen.
Heute sind wir dann zur Polizei bzw. Visastelle gegangen und haben ganz problemlos unser Visum um weitere 30 Tage verlaengern koennen. Wir sind super happy! Wir haben die ganze Wueste mit dem Rad geschafft und koennen nun in der Provinz Gansu endlich mit weiteren 30 Tagen in das richtige China eintauchen. Wir werden in den naechsten Tagen wieder mit dem Bus in den Ort zurueck fahren, wo wir herkamen, um die Radreise lueckenlos fortsetzen zu koennen.

Comments