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Bolivien Teil 2 (12.05.2011 - 21.05.2011)

veröffentlicht um 18.05.2011, 11:07 von Tobias Pieper   [ aktualisiert: 25.06.2011, 20:41 ]
Huayna Potosi (6088m)

Wir sind noch immer in La Paz! Trotz der wenigen verstrichenen Tage seit dem letzten Bericht, lohnt bereits ein weiterer. Nach ein paar Tagen nicht viel tun, erkundigten wir uns ueber Moeglichkeiten, einen Gipfel zu besteigen. Hier in Bolivien soll es moeglich sein, als voellig Unerfahrener einen Gipfel zu besteigen, wofuer keine technischen Kletterkenntnisse oder Erfahrungen noetig sind. Es gibt ein Tourenanbieter neben dem anderen und wir stiefelten wahllos in einige hinein und schnell war klar, dass wir dies machen wollten. Einmal auf einem 6000er stehen, muss doch der Wahnsinn sein! Und solch ein Trip passt eben einfach besser zu Bolivien, als in solchen Hoehen radzufahren. 

Am Montag, 16.05. ging es um 9:00 Uhr los. Wir wurden mit unserem Guide und ein paar anderen Abenteurlustigen bis zum Basecamp auf 4700m gebracht. Es war eine holprige Fahrt, aber alle waren guter Laune. Am Basecamp bekamen wir zunaechst Essen, um uns fuer die erste Etappe zu staerken. Im Anschluss bekamen wir all unser Equipment, warme Thermokleidung, Stiefel, Steigeisen, Eisaxt, Helm usw. Alles verstauten wir in unseren Rucksaecken, um dann den Aufstieg bis zum Highcamp auf 5130m zu beginnen. Hier trennten wir uns von den anderen, denn wir hatten statt drei Tage eine zwei Tagestour gebucht. Der Weg zum Highcamp war ein Wanderweg ueber Geroell und hatte einige Kletterpartien. Mit dem schweren Rucksack und in der Hoehe ging alles recht langsam. Aber das kannten wir bereits von unserem Kraftakt, hoch aufs Altiplano zu radeln. Wir hielten eben regelmaessig an, um wieder zu Atem zu kommen. Aber sonstige Beschwerden hatten wir nicht. 
Am Nachmittag erreichten wir das Camp, wo bereits 5 andere mutige warteten. Es gab Tee und Kekse bevor wir dann um 17:00 Uhr unser Abendessen bekamen. Es gab warme Suppe und lecker Nudeln, eben genau das, was man braucht, wenn ein andstrengender Tag bevorsteht.
Wir beobachteten noch die bunten Farben des Sonnenuntergangs am Horizont und verkrochen uns gegen 19:00 in den Schlafsack. Nachtruhe war angesagt. Der Schlaf wollte sich aber nicht einstellen. Viel mehr hoerte ich meinem rasenden Herzen zu, was einfach nicht langsamer schlagen wollte. So rollten wir uns von einer auf die andere Seite und ruhten einfach vor uns hin.  
Um 0:00 Uhr wurden wir dann geweckt oder besser das Ruhen hatte ein Ende, denn die Gipfelbesteigung stand bevor. Es gab ein kleines Fruehstueck aus Keksen und viel Cocatee. Viel konnten wir um diese Uhrzeit sowieso nicht essen. Dann zogen wir all unsere Ausruestung an, schnallten die Steigeisen unter, setzten Helme und Stirnlampen auf und wurden mit einem Seil mit unserem Guide verbunden. Die Lampen konnten wir aber aus lassen, denn es war fast Vollmond und klarer Himmel. Die Reflexion brachte so viel Licht, dass wir Blick auf die Umrisse der tiefergelegenen Berge hatten. Es war traumhaft. 
Und ehe wir realisierten, was nun kommt, gingen wir schon Schritt fuer Schritt hinter unserem Guide her. Kaum waren wir einige Schritte gegangen, ist einer meiner Steigeisen vom Schuh gefallen. David, unser Guide zoegerte nicht lange, und gab mir seine Steigeisen, die noch sicherer sassen und er nahm meine. Er war sehr auf Sicherheit bedacht, und eine ganz ruhige Seele. Wir hatten sofort grosses Vertrauen in ihn! 
Nachdem dann alles wieder fest sass, ging es richtig los. Aber nur in einem Schneckentempo, denn der Sauerstoffmangel in dieser Hoehe lies nicht mehr zu. Immer wieder mussten wir anhalten, um Luft zu holen. Den Bolivianern macht dies gar nichts aus. Sie haben eine Anpassung an diese Hoehe. Unser Guide wurde auf ueber 400 Metern geboren und spuerte keinerlei Sauerstoffschuld. Das ist echt verrueckt. Und wir keuchten und hechelten und baten immer wieder um Pause.     
Wir waren die letzte Gruppe an diesem Morgen. Vor uns waren drei weitere Fuehrer. Nach der ersten Haelte hatten wir dann aufgeholt und trafen auf den Guide, der nur eine Person fuehrte. Diese lag erschoepft im Schnee und fuehlte sich gar nicht gut und musste letztlich umkehren. 
Unser Fuehrer meinte immer wieder, wir sollten etwas essen, einen Riegel, Schokolade, aber nur beim Gedanken daran wurde uns uebel. Die Auswirkungen der Hoehe machten sich nun richtig breit. Immer wieder hatten wir Anfluege von Uebelkeit oder leichten Krieslaufproblemen. Die Abstaende zwischen den Pausen wurden kuerzer, aber wir wollten weiter. Etwa eine Stunde vor dem Gipfel, kam uns ein Guide mit zwei Maedels entgegen. Sie hatten ihre physische Grenze erreicht und kehrten um. 
Auch ich fuehlte mich zu dem Zeitpunkt recht schwach, jedoch packte mich der Ehrgeiz. Ich wollte unbedingt auf den Gipfel. Aber mir war bewusst, dass ich gut auf meinen Koerper hoeren muss, denn in solchen Hoehen ist nicht zu Spassen.
Langsam stapften wir weiter und es wurde allmaehlich hell. Hinter uns ging die Sonne ueber einem Wolkenmeer auf, aus denen noch einzelne Berspitzen ragten. es war wunderschoen. An diesem Punkt war ich schon so begeistert und es erfuellte mich eine Zufriedenheit, dass ich haette umkehren koennen. Aber wir schlichen tapfer weiter. Nicht weit vom Gipfel entfernt hoerten wir die letzte Gruppe, die vor uns war. Sie jubelten, dass sie es geschafft hatten. Es war also moeglich und Schritt fuer Schritt tastetn wir uns heran. Doch die letzten etwa 50 Meter hatten es in sich. Ein schmaler Grad, der nur so breit war, dass beide Fuesse nebeneinander stehen konnten, fuehrte hoch. An dieser Stelle hatten wir schon eine bomben Sicht und uns packte die Angst, dass wir dachten, wir haben genug. Aber David reagierte super. Er sagte bloss, dass wir es gleich geschafft haetten. Mich ueberkam sofort ein Adrenalinschauer und der Ehrgeiz wurde so gross, dass ich aufstand und losging. Und dann wurde nicht mehr nachgedacht und Tobias stiefelte einfach hinter mir her. Wir fixierten unseren Blick auf diesen Pfad ohne auch nur links oder rechts hinunterzugucken und ploetzlich war es geschafft! Wir beide standen auf dem Gipfel auf 6088 m Hoehe. David umarmte und gratulierte uns und mich ueberkamen alle Emotionen. Solch ein Blick bei stahlendem Sonnenschein, Blick bis zum Titicacsee und auf der anderen Seite auf eine dicke Wolkendecke, die den Dschungel im Tiefland bedeckte. Wir zitterten am ganzen Koerper vor Erschoepfung, Kaelte und Ueberwaeltigung. Wir sassen eine Weile dort, machten Fotos und versuchten zu begreifen, was wir dort gerade geschafft hatten. 5 Stunden waren wir unterwegs gewesen!
Dann kam der Abstieg und das nochmalige Ueberwinden dieses Grades!
der Abstieg ging zwar flotter, aber war nicht weniger anstrengend, denn wir waren endlos erschoepft. Dennoch konnten wir die Blicke ueber die Landschaft geniessen. Am Highcamp angekommen und hingesetzt, konnten wir nicht mehr aufstehen. Das schreckliche dann war nur, dass wir wussten, dass es noch nicht ganz geschafft war, denn nach einer Pause und einem Klamottentausch, hatten wir noch den weiteren Abstieg bis zum Basecamp vor uns, wo dann das Taxi wartete, um uns zurueck nach La Paz zu bringen. Unsere Beinen waren so schwach, dass es ein echter Kampf war, bis runter zu kommen. 
Am fruehen Nachmittag waren wir in der Stadt und als Belohnung, dass wir es bis auf den Gipfel geschafft hatten, bekamen wir ein T-shirt. Stolz und voellig uebermuedet war der nachste Gang unter die Dusche und ins Bett. Was fuer eine Nummer!
          
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