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Australien Teil 4 (18.08.2010 – 01.09.2010)

veröffentlicht um 01.09.2010, 04:15 von Tobias Pieper   [ aktualisiert: 04.04.2011, 12:40 ]
Coober Pedy

 

Australien, Outback, Stuart Highway – was kann da schon so viel spannendes passieren, fragt man sich vielleicht. Eine geteerte Strasse mit leichtem Verkehr, regelmaessige Rastplaetze mit vielen Campern, die immer die gleichen Fragen stellen, Roadhouses mit Tankstelle, “coffee free for driver” und schraegen Leuten, die Monotonie der Landschaft und in der Regel strahlend blauer Himmel ohne jegliche Wolke. Und das alles fuer Wochen. Ist das nicht langweilig?

Vielleicht waere es langweilig, wenn wir hier unsere Reise gestartet haetten. Wie aber schon beim letzten Mal erwaehnt, tut dies unserer Seele recht gut. Dennoch waere es vielleicht bald langweilig geworden, wenn nicht das Leben voller Ueberraschungen waere!

Die Erlebnisse haeuften sich, dass ich fast gar nicht weiss, wo ich anfangen muss. Dazu kommt ein Gefuehl voller Dankbarkeit, solche Erfahrungen gemacht haben zu duerfen und auf so liebe Menschen getroffen zu sein. Aber nun der Reihe nach.

 

In Alice Springs hat uns Mandy, unsere Gastgeberin, mit in ihre Schule genommen. Dort haben wir in ihrer Klasse (Jahrgangsstufe 7) statt Mathe Weltkundeunterricht gegeben. Die Kinder haben uns ueber unsere Reise ausgefragt und sie durften Laender aussuchen, von denen sie Bilder sehen wollten. Es war super spannend und sehr belebend fuer uns. Es hat Spass gemacht, den Kindern von Laendern zu erzaehlen, die sie noch nie gehoert haben oder von fremden Kulturen, die durch die Medien ein falsches gesicht bekommen, so wie eben der Islam.

Natuerlich lernten wir auch einige Kollegen von Mandy kennen, unter anderem Hans aus Ostfriesland, der nach Australien ausgewandert ist. Er gab uns seine Nummer, falls wir noch Zeit haetten, uns zu treffen. Daraus wurde leider nichts mehr – vorerst!

 

Erholt und voller neuer Energie durch das nette Schulerlebnis fuhren wir weiter gen Sueden, auf dem Highway. Das Wetter veraenderte sich, es wurde kuehler und wolkig. Am dritten Tag ist dann Tobias Hinterradfelge an der Flanke gerissen! Na, super!! Das kommt ja mal wieder recht und wieder ist es die Felge, das Teil, was man natuerlich nicht als Ersatzteil mit sich fuehrt, denn es hat zu halten. Schliesslich war dies eine neue Felge, die wir in Singapur eingespeicht hatten. Eine teure und gute Mavic-Felge! Es war einfach nicht zu fassen. Nun standen wir da mitten im Nirgendwo, noch ca. 45 km vom naechtsten Roeadhouse entfernt. Sollte das nun heissen, wir muessten uns mitnehmen lassen? Sollte hier unsere Reise einen Bruch erfahren, das heisst unsere durchgezogene geradelte Linie auf der Landkarte nicht mehr ununterbrochen bleiben? Die Vorstellung war unmoeglich. Tobias liess etwas Luft aus dem Reifen, um den Druck von der Felge zu nehmen. Wir fuhren weiter und bangten, dass das Rad doch bitte bis zum Roadhouse durchhaelt. Es wurden angespannte 45 km! Und tatsaechlich hielt die Felge durch. Am fruehen Abend erreichten wir das Roadhouse. Unser Plan war nun, die Raeder unterzustellen und zurueck nach Alice Springs zu trampen. Und dann fiel uns Hans ein. Vielleicht koennten wir ja bei ihm uebernachten?

 

Kaum waren wir am Roadhouse, lief alles fast wie von selbst. Es war ueberhaupt kein Problem, unsere Raeder dort in der Werkstatt an einem guten Ort unterzustellen. Das war Vorraussetzung. Dann erfuhren wir, dass es auch einen Bus gaebe. – Super, so hatten wir einen Joker.

Kaum bauten wir unser Zelt auf, kam eine Frau und lud uns ein, ihren Gasgrill mitzubenutzen, wenn wir was zum draufpacken haetten. Wir hatten zwar nur unseren Nudeltopf, aber das ging ja auch. Und schon waren wir wieder im Kontakt mit Australiern, die doch tatsaechlich am naechsten Tag nach Alice Springs wollten. Sie waren auf dem Weg zur Old-Timer-Truck-Show in Alice und unterstuetzen eine alte Dame, die den alten Truck ihres verstorbenen Mannes zur Show fuhr. Es war ueberhaupt keine Frage, ob sie uns mitnehmen wuerden. Es lief schon wieder alles viel zu glatt. Am Abend riefen wir dann noch bei Hans an und fragten ganz dreist, ob wir bei ihm fuer eine Nacht bleiben koennten. Und auch das war kein Problem, sondern ganz im Gegenteil, wir waren herzlich willkommen! Puh, fast zu viel des Guten.

Mittlerweile hatte es angefangen zu regnen.

 

So sassen wir also am naechsten Tag in einem Pick-Up, hier Ute genannt, und fuhren zurueck nach Alice. Der Regen war zu einem richtigen Oldenburger Landregen geworden und wir waren froh, nicht auf dem Rad sizten zu muessen. Stattdessen hatten wir eine tolle Gesellschaft und genossen das Zusammensein mit John im Auto. Seine Schwester Melva fuhr bei den Freunden mit. Urspruenglich kommen sie aus Melbourne und dem weiteren Umland und schliesslich sind wir eingeladen, sie dort zu besuchen, wenn wir nach Melbourne kommen. John setzte uns direkt am Radladen ab und wir verabschiedeten uns wie alte Freunde.

 

In Alice bekamen wir nach einigem hin und her doch eine passende Felge. Natuerlich nicht das, was Tobias sich so vorgestellt hatte, aber am Ende koennen wir froh sein, dass wir eine Felge mit den passenden Massen gefunden haben, wo wir unsere Nabe und Speichen weiterverwenden koennen. Im Regen nahmen wir dann den Weg zu Hans auf uns. Mit beladenen Taschen vom Einkauf wurde der Weg recht lang. Wir wussten nicht, wie weit ausserhalb er wohnt. Wir hielten einfach unseren Daumen raus und in der Tat hielt eine Frau mit einem kleinen Wagen an. Wieder hatten wir Glueck gehabt, denn haetten wir es laufen wollen, waeren wir verdammt lange unterwegs gewesen.

 

Bei Hans angekommen, lernten wir seine Frau Christa kennen und tauchten in eine andere Welt. Wir betraten ihr Haus und waren umgeben von unbeschreiblicher Atmosphaere, wie wir es ewig nicht mehr erlebt haben. Haueser, Einrichtung, Wohnen spielt in Asien eine sehr geringe Rolle. Dort ist alles zweckmaessig und aufs noetigste beschraenkt. Hier wurden wir ploetzlich von warmer Atmosphaere umhuellt: stilvolle Einrichtung, warme Farben, Musik, wohltuende Gerueche,…

Wir fuehlten uns sehr wohl. Wir verbrachten einen tollen Abend mit leckerem Essen und schliefen wie Babies in einem Bett. Das erste mal in einem Bett im Haus seit Darwin, das heisst nach mehr als 4 Monaten im Zelt.

Und wieder herrschte eine Vertrautheit, als wuerden wir uns kennen.

 

Am naechsten Tag standen wir morgens im Regen und hielten unseren Daumen raus, um zurueck zu unseren Raedern zu gelangen. Und es dauerte auch nicht lange und wir sassen mit einem Japaner und einer Taiwanesin im Auto. Sie fuehren aber nicht ganz so weit, was natuerlich kein Problem war. Sie liessen uns an einer Tanke raus, wo wir Leute ansprachen, um einen weiteren Lift zu bekommen. Und wieder wurden wir geleitet, um an die “richtigen” Leute zu geraten. Ein deutsches Paar, Ursula und Dieter, die ausgewandert sind, hatten uns an den Devils Marbles, einer netten Sehenswuerdigkeit einige hundert Kilometer noerdlich von Alice gesehen. Und immer wieder mussten sie an uns denken, wo wir wohl seien. Und nun standen wir vor ihnen und sie fuhren genau zu dem Roadhouse, wo unsere Raeder standen. Eigentlich hatten sie die Abmachung, dass sie grundsaetzlich keine Anhalter mitnehmen, aber sie machten bei uns eine Ausnahme!

Es war derzeit immer noch am Regnen. Als wir mittags ankamen hoerte es passend auf und die Wolkendecke lockerte auf, so dass sogar die Sonne durchkam.

Irgendwie war es echt verrueckt. In 2 Tagen haben wir so viele Menschen getroffen, die es fuer uns moeglich machten, unsere Reise nahtlos fortzusetzen, mit denen wir so viele tolle Gespraeche hatten, dass es schwer faellt, dies im Kopf klarzukriegen. Zwei Tage waren wie eine Woche.

 

Am naechsten Morgen sezten wir mit neuem Hinterrad unsere Reise fort. Unser naechstes Ziel war Coober Pedy, eine Opalgraeber-Stadt. Von Hans und Christa hatten wir eine Adresse von Bekannten bekommen, die Opale schuerfen. Das besondere an diesem Ort ist, dass viele Menschen unter der Erde wohnen. Das bedeutet, sie bauen kein Haus, sondern hoehlen einfach den Huegel aus, und wohnen somit im Stein unter der Erde. Es gibt aber eine Fassade mit Fenstern, so dass auch Tageslicht, und das gar nicht so wenig, hereinkommen kann. Warum Menschen so wohnen, hat den Grund, dass es hier im Sommer bis zu 50 Grad wird und man so ein sehr angenehmes Klima im Haus hat. Auch im Winter! Es bleibt konstant etwa 22 Grad im Haus. Wir kontaktierten also Tanja und Dale und wieder wurden wir herzlich willkommen. Wieder ist es super vertraut, intensiv und extrem spannend. Wir leben wie echte Cobber Pedy-Einwohner und sind mit beiden aufs Feld, um Opale zu schuerfen. Sie haben eine offene Miene, das heisst, im Tagebau, wo sie den ganzen Boden umgraben. Es sieht aus wie ein riesiger Sandkasten. Man arbeitet mit einem Bagger , in der Hoffnung, auf eine Opaltasche zu treffen. Diese haut man dann per Hand mit der Spitzhacke aus der Wand. Das Baggermaterial wird ebenfalls durchsucht. Dies geschieht mit einer Maschine (“Noodlemachine”). Das Material wird in verschiedene Korngroessen gesiebt und auf einem Fliesband unter Schwarzlicht durchgesehen. Der Opal floresziert im Schwarzlicht und kann so schnell und einfach mit einem Staubsauger vom Band gesaugt werden. Und genau das haben wir gemacht. Wir sassen in einer Dunkelkammer und haben Opale gesaugt. Es war super spannend. Diesmal sind wohl die Fotos wichtiger als sonst, denn sie helfen, das ganze besser verstehen zu koennen.

All diese Erlebnisse sind so ueberwaeltigend. Tiefer drin in der Kultur koennen wir mal wieder gar nicht sein.

 

Und wenn wir das nun zurueckdenken, verdanken wir all diese Erfahrungen, diese Erlebnisse, diese Reihe von Ereignissen nur Tobias gebrochener Felge. Ohne die waren wir nicht zurueck nach Alice, um Hans zu treffen, der uns den Kontakt hier in Coober Pedy ermoeglichte und haetten nie die Menschen kennengelernt, die uns mitgenommen haben. Und zu guter Letzt sind wir um den ueblen Regen herumgekommen, denn als wir weiter sind, war wieder strahlender Sonnenschein. Also, Tobias Tante wuerde da wieder einmal mehr sagen: “Der Dank geht nach oben!” Und da schliessen wir uns an!       
 

  

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