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Argentinien Teil 1 (20.02.2011 – 12.03.2011)

veröffentlicht um 12.03.2011, 15:51 von Tobias Pieper   [ aktualisiert: 01.04.2011, 09:57 ]

Argentinien, ein Land, das als DAS Reiseland Suedamerikas beschrieben wird, das Land des Mate-Tees, das Land der Siesta. Ein Land unglaublicher Groesse und Distanzen, ein Land der Wueste, ein Land fruchtbarer Felder, Rinder und Cowboys und das Land mit der Megastadt Buenos Aires.

 

San Martin de los Andes – Buenos Aires

 

Wir haben Argentinien von San Martin de los Andes in den Anden nach Osten bis Buenos Aires durchquert und dabei einmal mehr die Groesse dieses Landes und damit auch das Ausmass dieses Kontinents einschaetzen gelernt.

Unsere Route fuehrte uns von San Martin etwas noerdlich nach Catriel, an die Grenze der Pampa. Wir wurden auf dieser Strecke von einer Wuestenlandschaft ueberrascht und hatten Distanzen vor uns, die wir nicht erwarteten. Die Strassen fuehrten durch Landschaften, karg und endlos bis zum Horizont. Sie zogen sich ueber leichte Huegelketten, die die Sicht zunaechst einschraenkten, bis sie sich auf der Anhoehe bis zum Horizont erstreckten. In alle Himmelsrichtungen nichts, ausser vereinzelte knoechel- bis kniehohe Buesche und alle 50 – 100km hoechstens ein Haus, mal ein Kiosk oder ein kleines Dorf von wenigen Haeusern. Diese Weite und Einsamkeit ist faszinierend, solange man sein Wasser und sein Essen in der Tasche hat. Wird dies knapp, kann es sich ziemlich bedrohlich anfuehlen. Aber da wir nicht das erste mal in solch einer Landschaft unterwegs waren, und obwohl wir diesmal ein wenig von diesen Umstaenden ueberrascht wurden, mussten wir nie hungern oder dursten.

In Catriel angekommen, atmeten wir einen Tag lang durch und organisierten uns fuer die Weiterfahrt durch die Pampa. Uns wurde natuerlich abgeraten, dort durchzufahren, weil es totlangweilig, extrem heiss und kein Wasser ueber moerdeische Distanzen zu bekommen sei. Ein Polizist meinte sogar, auf der Strasse, die wir gedachten zu fahren, wuerden wir ueberfallen werden. Ein anderer sagte, das nicht diese Strecke, sondern vielmehr die naechste groessere Stadt gefaehrtlich sei.

Es wird immer so viel geredet und es ist nicht ganz einfach, herauszufinden, wie ersnt man solche Aussagen nehmen sollte. Und vor allem, welche Aussage die wahrscheinlich richtige ist. Unserer Meinung und Erfahrung nach sind Gefahren eher in der Stadt als auf endlosen Strassen im Nichts zu befuerchten. Wir entschieden uns also fuer die Stecke und wussten, dass wir eine Strecke von 160km ohne Versorgung zu ueberwinden hatten. Und so kauften wir Essen fuer ein paar Tage und packten uns jeder knappe 10Liter Wasser aufs Rad. Unser Wecker klingelte um 5:00 Uhr morgens und um 5:50 sassen wir auf dem Rad, schwer wie ein Panzer und fuehren durch die Nacht, die langsam erwachte. Wir wollten die 160km an einem Stueck fahren! Da man aber nie weiss, wie der Wind steht und man sich nie darauf verlassen sollte, dass der Plan so aufgeht, wie gedacht, waren wir natuerlich mit genuegend Wasser und allem ausgestattet, um zwei Tage daraus zu machen. Der Wetterbericht bzw. Windbericht kuendigte uns auch Rueckenwind an.

Leider sollte daraus nichts werden. Er bliess uns zunaechst ganz gut ins Gesicht. Zu Sonnenaufgang erreichten wir den Abzweig auf die ewig lange gerade Strasse gen Osten durch die Pampa und fuehlten uns mit diesem nun von schraeg vorne kommenden Wind gar nicht so gut.

Wir legten erstmal eine Fruehstueckspause ein und versuchten uns nicht voellig demotivieren zu lassen. Es gelang uns und wir nahmen den Kampf mit dem Wind auf. Es klappte erstaunlich gut! Wir fuehlten uns fit, wir waren fit und fuhren gegen den Wind an. Die Pampa, flach wie eine Flunder, uebersaeht mit kniehoher, aber dichter Vegetation, eine eher verlassene als schwach besiedelte Region, macht ihrem deutschen Sprichwort „irgendwo in der Pampa“ alle Ehre. Es gibt vereinzelt ein Haus mit einigen Rindern drumherum, aber man fragt sich schon, was diese Leute dort machen.

Nach 12 Stunden, 10 Stunden Fahrzeit und 165km, unser neuer Streckenrekord, erreichten wir die kleine Siedlung La Reforma. Wir hatten es also ohne Ueberfall oder auch nur den Anschein nach Gefahr geschafft und waren sehr gluecklich.

 

Der erste Teil der Pampa lag nun hinter uns. Es folgten Tage, wo nur die Kilometer auf dem Tacho zaehlten und am Abend der Fortschritt auf der Karte. Je weiter oestlich wir kamen, desto mehr Landwirtschaft fing an und endlich kamen auch die grossen Rinderherden zum Vorschein, von denen alle sprechen. Irgendwo muss doch das ganze Fleisch der Angusrinder herkommen.

Eine weitere Woche war weggeradelt und Buenos Aires rueckte naeher. Am letzten Abend bevor wir in die Stadt reinfahren wollten, zelteten wir bei einer Gefluegelfarm und die Frau rieht uns voellig ab, in die Stadt zu fahren. Wir zeigten ihr die Karte, um herauszufinden, welche Stadtteile wir bei der Reinfahrt meiden sollten. Etwas, was wir schon vor Wochen versuchten herauszufinden.Wir hatten eine Adresse von Bekannten von Freunden. Wie das immer so geht. Und dann fing die Frau an, auf Stadtteile zu zeigen und letztlich kam fuer sie die ganze Stadt heraus. Sie war sehr veraengstigt, was daran lag, dass vor wenigen Wochen bei ihnen eingebrochen wurde. Auch uns wurde mulmig, aber wenn ihre Aussage fuer uns auch uebertrieben klang, so nahmn wir sie ernst und legten unsere Route um. Anstelle von kleinen Strassen entschlossen wir uns auf der Autobahn in die Stadt zu fahren. Das ist natuerlich verboten, aber die Polizei interessierte sich nicht fuer uns. Letztlich ist es auf der Autobahn trotz starkem Verkehr sicherer fuer uns, denn dort gibt es einen ausreichenden Seitenstreifen und keinen Gegenverkehr. Man kann sich im Grunde nicht verfahren und die Gefahr dort ueberfallen zu werden ist geringer, als wenn man durch die Strassen in den Stadtvierteln faehrt, nach dem Weg fragen muss und so ein gefundenes Fressen sein kann.

 

Wir furhen morgens um 6:30 Uhr los, um ausreichend Zeit zu haben, die letzten 130km zu schaffen. Um 18:00 Uhr hatten wir uns mit unseren Bekannten, die wir noch nicht kannten, verabredet. Wir waren gut nervoes, aber alles lief gut. Wir kamen super voran, die Polizei lies uns bis kurz vor Zieleinfahrt in Ruhe fahren und der Verkehr war recht zivilisert. In der Stadt haben wir als Radfahrer dann immer den Vorteil, am stockenden Verkehr einfach vorbeizufahren. Es ist schon berauschend, in solch eine Metropolo zu radeln! Aber laut Gerede der Leute haben wir echt mehr erwartet. Faehrt man von Westen herein, am Flughafen vorbei, dauert es lange, bis die Stadt beginnt. Die Haeuser wirken wie Einfamilienhaeuser, man sieht keine Wolkenkratzer, und es fuehlte sich nicht groesser an, als vielleicht Bangkok. Ein ueberwaeltigendes Erlebnis, mit dem Rad in die Stadt zu fahren war Istanbul oder Chengdu in China, wo wir eineinhalb Tage nur durch Stadt gefahren sind, um das Zentrum zu erreichen. Ich glaube, es ist mittlerweile schwer, uns zu beeindrucken, ja zu ueberwaeltigen, nach solch einer langen Reisezeit. Nichts desto Trotz ist es eine massige Stadt, die wir nun in den naechsten Tagen erkunden werden. Wir sind ohne Gefahr, ohne Bedrohung bei unseren Bekannten eingetroffen. Sie sagen, dass man schon aufpassen muss. Es gibt Strassen und Ecken, wo man nicht hingehen sollte, aber man kann auch mit etwas Pech vor der eigenen Haustuer ueberfallen werden. Leistest du Widerstand, wird natuerlich Gewalt angewendet. Also, eben das geforderte herausruecken und sich ueber den Materiellen Verlust nicht kuemmern.

Schauergeschichten werden immer gerne aufgeblasen. Aber wir denken, der gesunde Menschenverstand ist das wichtigste.

Wir sind nun gespannt, was die Innenstadt zu bieten hat und bleiben wachsam.

 

Das Leben hier tickt schon ganz anders. Womit wir uns doch recht schwer tun, ist die Siesta. In den kleinen Orten schliessen alle Geschafte um 13:00 Uhr und machen erst wider um 17:00 Uhr auf. Das bedeutet fuer uns, dass wir entweder vor 13:00 Uhr den Ort erreicht haben muessen, um unser Mittagessen zu kaufen oder so planen muessen, dass wir es bereits am Vortag organisieren. Wirklich alles macht zu. Hat man Pech, ist der Baecker bereits um 12:00 Uhr ausverkauft. Meist gibt es aber mehr als einen Baecker und so mussten wir noch nie hungern, aber es ist schon etwas nervig. So sehr wir doch die kulturelle Vielfalt moegen, so hart ist es doch, mit solch Kleinigkeiten klarzukommen.

Die Menschen sind hier unglaublich locker drauf, arbeiten und Geld spielt nicht so die Rolle. Ich kann es mal an ein paar Beispielen verdeutlichen: Wir sitzen im Internetcafe und schreiben Emails. Es ist sonst keiner da. Um 12:30 Uhr kommt der Besitzer und macht uns klar, dass er nun Essen moechte und wir doch bitte gehen sollen. Wir kommen also zum Ende und er schliesst den Laden. Um 17:00 Uhr hat er noch immer nicht wieder auf.

Die Menschen lassen sich auch wenig aus der Ruhe bringen. Ein Schwaetzchen halten ist da viel wichtiger. So sahen wir, dass vor einem Gemueseladen ein Auto parkte, was im Grunde im Weg stand, um Kisten mit altem Gemuese auf den wartenden Transporter zu laden. Anstatt den Besitzer des Wagens darauf aufmerksam zu machen, wird sich einfach unterhalten und gewartet, bis er wegfaehrt, um dann den Transporter vorzufahren.

Es wirkt beneidenswert, diese Ruhe und Gelassenheit. Und doch spueren wir da, wie deutsch wir sind, denn wir denken immer an Effizienz , Zeit sparen usw. Ganz besonders faellt es mir schwer, mich auf diese Mentalitaet einzulassen, wenn ich im Supermarkt an der Kasse stehe und zusehen muss, mit welch einem Schneckentempo der Kassierer arbeitet. Es gibt bestimmt 20 Kassen, an allen stehen etwa 2 Leute mit vollen Wagen. Ich Reihe mich ein und stehe gefuehlt eine Stunde an der Kasse. Tobias hatt sich schon sorgen gemacht, wo ich bleibe. Das Problem ist, dass der Kassierer alles fuer den Kunden in einzelne Tueten packt, was Ewigkeiten dauert. Und er laesst sich in keinster Weise aus der Ruhe bringen. Ich kriege derweil die Vollkrise, weil ich zusehen muss, wie sinnlos 2-3 Teile in eine Tuete gepackt werden, um dann eine neue Tuete zunehmen. Es ist vollkommen ineffizient und dazu eine voellige Ressourcenverschwendung. Aber es bringt nichts, wenn ich mich aufrege, deshalb geht es auch nicht schneller. Ich werde nur immer mit einem Fragezeichen angesehen, wenn ich sage, dass ich keine Plastiktuete will! Andere Laender, andere Sitten! Deshalb sind wir unterwegs, und so lernen wir uns selbst immer besser kennen. 

 

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